23. Juni 2026

Jess Allen –
was zählt, ist die Malerei 

Art and Design

Während sich ein Großteil der Kunstwelt im Wandel befindet und zwischen Städten, Messen, Vernissagen und Dinnereinladungen pendelt, ist die Malerin Jess Allen Cornwall treu geblieben. Nach ihrem Umzug dorthin, um zu studieren, baute Allen sich ein Leben an der Südküste Englands auf und blieb in den letzten drei Jahrzehnten weitgehend unsichtbar. Das hat sich jetzt geändert. 

Zu Besuch in Jess Allens Studio

Jess Allen hat ihr Zuhause in einem alten Bauernhaus gefunden, verwittert von der Luft des Atlantiks. Das angebaute zweigeschossige Atelier ist mit Oberlichtern ausgestattet, die das für Cornwall bekannte Nordlicht hereinlassen. Es ist ein ruhiger Ort zum Arbeiten – hell genug, um klar zu können, aber, wie die Künstlerin es ausdrückt, „geschlossen”.

Cornwall hat seit jeher Künstler:innen angezogen. Eine kleine, eng verbundene Gruppe lebt und arbeitet dort, doch wie Allen in dem Interview mit Maison Ë erzählt, wollte sie nie dazugehören. 35 Jahre lang malte sie aus einer Art der Abgeschiedenheit heraus: beständig, obsessiv, entschlossen. Bis vor fünf Jahren verkauften sich Allens Werke nicht einmal. Der anfängliche Hype direkt nach ihrem Studium legte sich schnell. Danach gab es keinen Auftrieb, keine Wartelisten, keine aufeinanderfolgenden Ausstellungen. Sie beschreibt sich selbst während dieser Jahre als unsichtbare Künstlerin. Trotzdem allem arbeitete sie weiter.

Geboren wurde die Künstlerin 1966 in Dorset und studierte an der Falmouth School of Art, bevor sie ihre Ausbildung am Camberwell College of Arts in London abschloss. Während die große Stadt nie zu ihrer Heimat wurde, zog es sie in den Südwesten Englands. Auch wenn die Landschaften selbst nicht in ihren Gemälden auftauchen, ist doch die Atmosphäre Cornwalls allgegenwärtig: die Klarheit des Lichts, die Stille, das Gefühl der Ferne. Wie Allen in unserem Gespräch pragmatisch feststellt, kam sie und blieb.

Jess Allen in ihrem sonnendurchfluteten Atelier in Cornwall.

Der Wendepunkt
Dann kam die Pandemie. Um 2020, Mitte fünfzig, begann Allen, ihre Arbeiten regelmäßiger auf Instagram zu teilen. Ganz ohne Strategie dahinter, nur Bilder, Innenräume, Schatten und stille Räume, die die Spuren von jemandem bewahrten, der gerade gegangen war. Etwas veränderte sich; die Menschen reagierten darauf. Sammler:innen wurden auf sie aufmerksam. Galerien begannen sich zu melden. Was jahrzehntelang im Privaten praktiziert wurde, wurde beinahe über Nacht für die Welt sichtbar.

Seitdem reiht sich eine Ausstellung an die nächste: London, Europa, die Vereinigten Staaten. Im Mai dieses Jahres wird sie eine Einzelausstellung in New York in der Nino Mier Gallery eröffnen, ein Moment, der einen tiefgreifenden geografischen Kontrast zu der Stille bildet, in der die Werke entstanden sind.

Für Allen ist Erfolg jedoch fast nebensächlich. Was zählt, ist die Malerei. Ihre Werke zeigen oft „häusliches Leben“: eine Tür, eine Wand, ein Lichtfleck auf dem Boden. Manchmal ist eine Figur zu sehen, aber selten vollständig. Häufiger wird das Motiv durch einen Schatten angedeutet, der den Raum einnimmt, eine Silhouette, die sich über eine Wand erstreckt. „Ein Schatten ist das Echo dessen, der dort war“, sagt Allen. „Abwesenheit und Präsenz spielen in meiner Arbeit eine große Rolle.“

In ihren Gemälden sind Schatten keine formalen Mittel. Sie sind Metaphern für Beziehungen und halten die emotionale Temperatur eines Augenblicks fest. Eine Person mag physisch abwesend sein, aber das Gefühl ihrer Anwesenheit bleibt bestehen. Das Bild handelt weniger von Darstellung als vielmehr von den Spuren einer Erfahrung.

„Ein Schatten ist das Echo dessen, der dort war. Abwesenheit und Präsenz spielen in meiner Arbeit eine große Rolle.“

JESS ALLEN, ARTIST

Lebendige Momente
Während wir über eine Stunde lang über die Bedeutung von Schatten diskutieren, widersteht Allen der Versuchung, etwas hinzuzudichten. „Ich hasse es, mir Dinge auszudenken“, sagt sie. Alles in ihren Gemälden ist in der Realität verwurzelt – ein gelebter Moment, ein bestimmter Raum, eine Erinnerung an eine Begegnung. Es ist ein Realismus, der nicht fotografisch, sondern emotional ist. Allen präsentiert uns das Bild einer Person – oder eines Raumes oder eines bestimmten Moments in der Zeit – und damit eine inhärente emotionale Qualität.

Einsamkeit durchzieht ihre Arbeit wie ein stiller Strom – weder als Spektakel oder Drama, vielmehr als Zustand. „Einsamkeit ist wirklich wichtig“, sagt Allen. „Um sich selbst zu finden und kreativ zu sein. Die ultimative Bedeutung ist, allein zu sein. Gleichzeitig fürchte ich mich davor.“

Diese Spannung zwischen Notwendigkeit und Angst belebt ihre Gemälde. Die Räume sind oft leer, aber dennoch bewohnt. Sie wirken, als seien sie von Erinnerungen erfüllt. Die betrachtende Person wird in eine Position der stillen Konfrontation versetzt: nicht mit der Erzählung, sondern mit der Stimmung. Allen ist sich darüber im Klaren. „Viele Künstler:innen haben die Stimmung vergessen“, sagt sie. „Sie legen großen Wert auf Ideen oder Techniken, doch nicht auf Stimmung. Als Betrachter möchte man jedoch bewegt werden.“ Ihre Beharrlichkeit, Atmosphäre über Konzept zu stellen, ist nicht anti-intellektuell, sondern eher erfahrungsorientiert. Die Künstlerin möchte, dass die betrachtende Person eine Beziehung aufbaut – nicht entschlüsselt – und etwas von sich selbst in der Stille einer schattigen Wand wiedererkennt.

Mit wachsender Anerkennung ihrer Arbeit trat Allens Ehemann Simon aus seiner eigenen künstlerischen Praxis zurück und unterstützt heute ihr Atelier als ihr engster Kritiker und wichtiger Sparringspartner.

Jahrzehntelang führte diese Beharrlichkeit zu keiner Sichtbarkeit. Allen passte ihre Arbeit nicht an Trends oder Szenen an. Sie machte einfach weiter ihr Ding: obsessiv. „Ich bin besessen vom Malen“, gibt sie zu. Sie macht kaum etwas anderes. Ihre Tage sind geprägt von ihrem Atelier, dem Licht und dem langsamen Entstehen eines Bildes.

Allens Ehemann, ebenfalls Künstler, zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, als seine Frau immer bekannter wurde. Heute rahmt er ihre Werke, unterstützt sie im Atelier und ist nach wie vor ihr engster Kritiker und Sparringspartner. Ihr gemeinsames Leben ist eng mit dem Rhythmus der Malerei verwoben. Der Erfolg hat diese Struktur nicht verändert, sondern nur ihren Fokus verstärkt.

Es ist etwas zutiefst Bewegendes an einer Künstlerin, die 35 Jahre lang ohne Applaus und ohne zu schwanken gearbeitet hat. Die Erzählung von der Entdeckung über Nacht durch soziale Medien ist verführerisch, verschleiert aber die Wahrheit: Nichts an dieser Praxis ist plötzlich entstanden. Die Sichtbarkeit mag neu sein, die Arbeit hingegen, ist das Ausdruck jahrzehntelanger intensiver Beschäftigung.  

Drei Jahrzehnte des Malens fernab des Rampenlichts prägen Jess Allens Werk – beständig, kompromisslos und getragen von einer unerschütterlichen künstlerischen Überzeugung.

„Einsamkeit ist wirklich wichtig, um sich selbst zu finden und kreativ zu sein. Die ultimative Bedeutung ist, allein zu sein. Gleichzeitig fürchte ich mich davor.“

JESS ALLEN, ARTIST
Text
Sandra Reichl
Fotografie
Jon Tonks
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