26. Mai 2026

Marcin Rusak –
Zwischen Blumen und Vergänglichkeit 

Art and Design

Die Arbeiten des multidisziplinären Künstlers Marcin Rusak sind zwar zutiefst persönlich, sprechen jedoch zugleich universelle, wiederkehrenden Themen unserer Zeit an – von Konsum, über Materialismus bis hin zu emotionale Verbundenheit. Rusak hat Blumen als Medium gewählt, um die Zyklen der Natur zu übersetzen und über die komplexe Beziehung der Menschheit zur Vergänglichkeit nachzudenken.

Künstler Marcin Rusak bei der Auswahl seiner Materialien: ausrangierte Blumen, sorgfältig von Floristen und Züchtern gesammelt, wegen ihrer skulpturalen Form, Farbigkeit und symbolischen Bedeutung ausgewählt.

(Blumenkunst) Konservierung ist ein zutiefst menschlicher Versuch, der Zeit zu entfliehen, wie wir sie am ehesten verstehen: linear, vorwärtsgerichtet, unumkehrbar. Anstatt die Natur in ihrem wahrhaftigsten Zustand existieren zu lassen, klammern wir uns an das Vertraute – daran, wie die Dinge waren, bevor eine Seite im Leben umgeblättert wurde. Unsere Gedanken verweilen in der Vergangenheit und suchen nach Beständigkeit in einer Welt, die von Vergänglichkeit geprägt ist.

Der polnische Künstler Marcin Rusak ist mit dieser Ambivalenz der Vergänglichkeit bestens vertraut. Er verwendet aussortierte Blumen, um Werke zu schaffen, die nicht nur durch den bewussten Akt des Schaffens geprägt sind, sondern auch durch die natürlichen Prozesse der Zersetzung, die noch lange nach der Fertigstellung eines Werkes weiterwirken. In seinem Atelier experimentiert er mit natürlichen Materialien, recycelten Metallen und industriellen Verfahren, wobei die Wahl des Materials den Verlauf jedes Werkes bestimmt. Einige Werke sind auf Langlebigkeit ausgelegt und bewahren ihre Schönheit, während andere so konzipiert sind, dass sie sich zersetzen und wieder in den Kreislauf der Natur zurückkehren.

„Für mich liegt der Wert nicht darin,
sich der Zeit zu widersetzen,
sondern darin zu lernen, mit ihr zu koexistieren.“

Marcin Rusak

Abfall und Wunder
Sein Atelier im Swindo Palace außerhalb von Warschau dient sowohl als Gedankenwerkstatt für raffiniertes Design als auch als Labor für wissenschaftliche Forschung, in dem Experimente zu innovativen, biologisch abbaubaren Materialien führen. Blumenabfälle bezieht Rusak von Florist:innen und Züchter:innen und wählt sie für jedes Projekt sorgfältig nach skulpturaler Qualität, Farbe und symbolischer Bedeutung aus. Seine künstlerische Inspiration zieht er weniger aus äußeren Einflüssen als aus „Zeit und Erinnerung“.

Rusaks Begeisterung für Blumen reicht über Generationen zurück: Sein Großvater mütterlicherseits war ein autodidaktischer Botaniker und Unternehmer im Blumenanbau. Rusaks verschwommene Erinnerung an seinen Großvater zeigt ihn als „ständig beschäftigt, emotional distanziert und sehr in seine Arbeit vertieft“ – eine Intensität, die Rusak an seine eigene Praxis erinnert. Fast wie ein Wissenschaftler kreuzte sein Großvater nachts Orchideen, im Einklang mit ihrem Lebenszyklus, und suchte beinahe besessen nach neuen Sorten. Der Künstler selbst hat eine Vorliebe für Anthurien. Am glücklichsten ist er jedoch, wenn er von einer Fülle Wildblumen in der Natur umgeben ist.

Nach seinem Abschluss an der Design Academy Eindhoven in den Niederlanden erwarb Marcin Rusak einen Master-Abschluss in Produktdesign am Royal College of Art in London. Zu dieser Zeit entflammte seine Liebe zu Blumen aufs Neue – er bezog Materialien von Großblumenmärkten und fand auf diese Weise sein Medium.

„Als ich zum ersten Mal die riesigen Haufen weggeworfener Blumen auf den Märkten sah, veränderte sich mein Verständnis von Zeit, Schönheit und materiellem Wert grundlegend. Beim Konservieren von Blumen ging es nie darum, sie in einem makellosen Zustand einzufrieren, sondern darum, ihre Präsenz gerade so weit zu verlängern, dass ihr Verfall sichtbar, greifbar und unvermeidlich wird.“ Für den multidisziplinären Künstler sind Blumen ein Mittel, um größere soziale, wirtschaftliche und symbolische Fragen zu den Themen Überkonsum, Wert und Emotionen, neu zu formulieren. Sie laden uns dazu ein, unsere Position innerhalb größerer Systeme zu hinterfragen.

In Harz eingeschlossene Blüten erzeugen einen skulpturalen, fast fossilartigen Effekt.
Das Flora Misty White Sideboard aus Eiche kombiniert natürliche Materialien mit einer künstlerischen Oberfläche.

Vom Rohmaterial zum Kunstwerk
Durch jahrelange Experimente wurden im Atelier verschiedene Verfahren zur Verarbeitung empfindlicher Blütenblätter und Blätter entwickelt. Das Material Flora, das auf Blumen und Harz basiert, zielt darauf ab, botanische Materie in seiner ganzen Schönheit zu konservieren. Jedes Stück, das wie ein Gemälde komponiert ist, erfordert höchste Sorgfalt – vom Sammeln Aufbereiten bis hin zur Fertigstellung des Harzes von Hand. Im Gegensatz dazu wird das Material Perma maschinell geschnitten, um die Querschnitte der in Harz eingegossenen Blumen freizulegen, die wie in Stein eingebettete Fossilien aussehen. Bei den Arbeiten zu „Merging Metals“ wird etwa eine Metallspritztechnik verwendet, bei der Bronze, Messing, Kupfer, Zink und Aluminium auf dreidimensionale Leinwände aufgetragen werden. Dies sind nur einige der Techniken, die im Swindo Palace entwickelt wurden.

Auf die Frage, welches Element seinen kreativen Prozess leitet, antwortet der Künstler Maison Ë: „Für mich beginnt es immer mit einem Dialog. Es ist ein kontinuierlicher Austausch – manchmal auch ein Aufeinandertreffen – von Ideen, Prozessen und Experimenten, sowohl in meinem Atelier als auch mit externen Kooperationspartner:innen: anderen Kreativen, Wissenschaftler:innen, Kurator:innen sowie privaten Kund:innen, Innenarchitekt:innen oder Sammler:innen. „Von dort aus entwickelt sich der Prozess oft durch Skizzen, praktische Materialforschung, Modellbau und digitales Rendering. Kein einzelnes Element ist führend; es ist die Reibung zwischen ihnen, die die Dinge in Bewegung setzt.“

Rusaks intensive Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit hat ihn zu der Überzeugung gebracht, dass Design die Verantwortung trägt, Dinge zu verlangsamen, Systeme der Überproduktion infrage zu stellen und bewusster mit Ressourcen umzugehen. Für ihn liegt der Wert nicht im materiellen Preis, sondern im emotionalen und kulturellen Leben von Objekten.

Eine Frage, mit der sich Rusak weiterhin beschäftigt, ist, wie man mit Vergänglichkeit umgehen kann, ohne sie zu neutralisieren. Beim Einsatz organischer Materialien verlangt Design oft nach Kontrolle und Haltbarkeit. Es ist das Nebeneinander dieser beiden Kräfte, das Rusaks Arbeit sowohl auf materieller als auch auf philosophischer Ebene so faszinierend macht. Wie er reflektiert: „Ich betrachte den Verfall nun als aktiven Mitwirkenden in meiner Arbeit, der Unvorhersehbarkeit und Ehrlichkeit einbringt. Selbst wenn Blumen in Harz oder Bronze gegossen sind, verändern sie sich weiter und erinnern uns daran, dass nichts jemals wirklich statisch ist. Für mich liegt der Wert nicht darin, sich der Zeit zu widersetzen, sondern darin zu lernen, mit ihr zu koexistieren.“

Text
Marie Lang
Fotografie
Marcin Rusak Studio
Mathijs Labadie
Carpenters Workshop Gallery
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