Vicente Todolí –
Sammler der Zitronen
Vicente Todolís Herz schlägt für zwei Disziplinen: Kunst und Zitronen. Früher war er Direktor der Tate Modern in London, heute züchtet er in seiner spanischen Heimat Zitrusfrüchte. Seine Todolí Citrus Fundació nahe Valencia beherbergt mittlerweile über 500 Varietäten. Die lebende Sammlung wird durch botanische Stiche und zeitgenössische Kunstwerke ergänzt. Und dabei sieht er sich ganz in der Tradition des Renaissance-Fürsten Cosimo de’ Medici.
Im Zitrushain mit Vicente Todolí
(Sammeln) „Einmal haben wir eine Hongkong-Kumquat neben einer Citrus medica fotografiert: Das ist, als würde man einen Chihuahua neben einem Mastiff stellen.“ Erstere ist die kleinste Zitrusfrucht der Welt und wie aus der Pistole geschossen hat Vicente Todolí selbstverständlich auch den lateinischen Namen der winzigen orangefarben Varietät parat, Citrus hindsii. Zweitere, auch Zitronatzitrone genannt, ist hingegen ein geradezu monströses gelbes Wesen und die Urmutter aller Zitrusfrüchte. „Meine Lieblingsfrucht.“ Wer Vicente Todolí zu diesem Thema befragt, muss Zeit mitbringen und am besten auch eine große Portion Begeisterungsfähigkeit, denn dann blüht der Spanier beim Erzählen über seine Liebe zu Zitrusfrüchten erst so richtig auf.
Vicente Todolís Laufbahn ist so spannend und bemerkenswert, dass sie eigentlich nur das Leben selbst schreiben kann. 1958 nahe Valencia in eine Familie von Zitrusbauern geboren – „mein Urgroßvater hatte Mitte des 19. Jahrhunderts in Palmera den ersten Garten angelegt“ –, studierte er unter anderem in Yale. Sein gesamtes Berufsleben widmete der Spanier der Kunst. Todolí war Direktor von Museen wie dem IVAM, dem Institut Valencià d’Art Modern, und dem Serralves, dem Museum für moderne Kunst in Porto. Sieben Jahre lang leitete er die berühmte Tate Modern in London. Namen wie Richard Hamilton flankieren seine Laufbahn.
Heute fungiert Vicente Todolí als künstlerischer Direktor der Pirelli-Stiftung in Mailand, wo er Ausstellungen über so bedeutende Künstler wie Maurizio Cattelan und Bruce Naumann kuratierte. Er berät Sammlungen und baut ganz nebenbei seine eigene Sammlung auf: Und zwar die größte private Zitrussammlung der Welt. „Nur universitäre Sammlungen sind größer, etwa die Givaudan Citrus Variety Collection im kalifornischen Riverside mit über 1000 Sorten und 4500 Bäumen“, sagt Todolí.
Eines seiner Vorbilder: der Renaissance-Herrscher und Bankier Cosimo de’ Medici. Dieser ließ im Florenz des 16. Jahrhunderts eine außergewöhnliche Sammlung an Zitrusbäumen anlegen und gab damit gewissermaßen den Startschuss für die Begeisterung, mit der in adeligen Kreisen fortan Bergamotten, Bitterorangen oder die Bizzarria, eine besonders erlesene Sorte, getauscht, verschenkt und ausgestellt wurden. Die Nachkommen von Cosimo de’ Medici frönten ebenfalls der Zitrusleidenschaft. Cosimo III. etwa beauftragte den Maler und Stillleben-Spezialisten Bartolomeo Bimbi damit, die Vielfalt der damals kursierenden Früchte auf Leinwand festzuhalten – auf manchem seiner detailgenauen Gemälde finden sich über dreißig Sorten.
Ein Ort zum Züchten und Denken
Die Todolí Citrus Fundació in Palmera, einer kleinen Gemeinde in der Comunidad Valenciana an der Ostküste Spaniens, ist heute Anziehungspunkt für Zitrusenthusiast:innen aus der ganzen Welt. Das Zentrum des Anwesens, der Garten El Bartolí, beherbergt rund 500 Varietäten – und das Outdoor. Gestartet hat Vicente Todolí um die Jahrtausendwende freilich mit einem Bruchteil. Sein Vater, der eine Baumschule mit Palmen und Zitrusfrüchten führte (und seinen ersten Obstgarten im Alter von zwölf Jahren gekauft hatte), ermutigte ihn, nach dem Tod des Nachbarn dessen Grundstück zu kaufen. „Er meinte, ich könne dort einen Ort zum Nachdenken haben, einen Rückzugsort, und eine kleine Zitrussammlung.“
Am Anfang hatte er dort nur an die zwanzig Sorten, erinnert sich Vicente Todolí, „wovon zehn eingingen – blieben also zehn.“ Angeregt von einem guten Freund, der Molekularküchen-Legende Ferran Adrià, kaufte Todolí bei einem Händler im französischen Perpignan nahe der spanischen Grenze weitere Zitruspflanzen. „Ferran verkostete dort immer Zitrusfrüchte, um für sein Restaurant El Bulli einzukaufen.“ Sukzessive vergrößerte Todolí seinen Grundbesitz in Palmera und musste teilweise obszön hohe Preise für Flächen zahlen, die ursprünglich für Reihenhäuser vorgesehen waren. „Ich habe in Summe über zwanzig Nachbargrundstücke aufgekauft, um sie so vor Verbauung zu bewahren“, erzählt er. Er gründete eine Stiftung und vergrößerte seine Zitronensammlung, „viele davon habe ich aus Italien, dem Paradies für Zitrussammler:innen“. Sein Zitrusgarten wird übrigens biologisch bewirtschaftet, ist jedoch nicht zertifiziert: „Unser Nachbar spritzt Pestizide,“ sagt er.
„Das Flanieren durch den Zitronengarten ist ein immersives Erlebnis das alle Sinne betört.“
Die Kunst der Zitronen
In den Augen von Vicente Todolí, dem Kunstexperten, glich sein „botanischer Obstgarten“, wie er ihn nennt, immer mehr einem Museum. Einem Open-air-Museum, in dem man nichts umhängen und keine Ausstellungsräume umbauen müsse, weil sich die Natur ohnehin andauernd den Jahreszeiten anpasse. „Mein Plan war es, einen Garten zu schaffen, der sich an botanischen Prinzipien orientiert, aber auch an ästhetischen. Immer auch an ästhetischen“, erklärt Todolí mit Vehemenz in der Stimme. „Das Durchflanieren soll ein immersives Erlebnis sein, alle Sinne betören. Der Duft der Blüten, das Grün der Blätter, die ätherischen Öle der Schale, an der man seine Finger reiben kann, die Frucht, wenn man kostet. Für die Araber:innen war ein Zitrusgarten jener Ort, der dem Paradies auf Erden am nächsten kam.“
Wenn Vicente Todolí über die Zusammenhänge zwischen Zitrusfrüchten, Kunst und Kultur spricht, ist er tatsächlich kaum zu stoppen. Er weiß von flämischen Stillleben zu erzählen, von Joseph Beuys‘ „Capri Battery“ von 1985, für die der deutsche Künstler eine gelbe Glühbirne an eine Zitrone anschloss, von historischen Orangerien, die heute als Museen fungieren, wie etwa die Orangerie im Unteren Belvedere in Wien oder das Musée de l’Orangerie in Paris. Und immer wieder mischte Todolí selbst im Kunst- und Zitruskontext mit: Bei einem der Dîners des Agrumes in der Villa Medici in Rom etwa kamen verschiedene ausgehöhlte Zitronen aus seiner Sammlung als warm leuchtende Lampenschirmskulpturen zum Einsatz.
Es überrascht daher auch nicht, dass Vicente Todolí alle verfügbaren Bücher zum Thema Zitrusfrüchte hortet und historische botanische Stiche sammelt, „natürlich von Zitrusfrüchten“. Dank seiner langjährigen Kontakte in die Kunstwelt kann die Todolí Citrus Fundació auch auf Schenkungen zeitgenössischer Künstler:innen verweisen – die Motive der Werke sind unschwer zu erraten. Derzeit wartet man auf die Genehmigung für einen neuen Pavillon eigens für diese Zitruskunstwerke. Den prachtvollen Bildband der Fundació gab Todolí bei keinem Geringeren als dem international renommierten Kunst- und Architekturfotografen Attilio Maranzano in Auftrag: „Maranzano hat Werke von Carsten Höller fotografiert, von Claes Oldenburg, von Mario Merz. Er ist sehr präzise. Auf seinen Fotos sieht man mehr als in der Realität.“ Sein jüngstes Buch ist ein Memoir rund um Kunst und Zitrusfrüchte, es heißt „Quisiera crear un jardín (y verlo crecer). Entre el arte y la tierra“, auf Deutsch: „Ich möchte einen Garten anlegen (und ihn wachsen sehen). Zwischen Kunst und Erde“.
„Für die Araber:innen war ein Zitrusgarten jener Ort, der dem Paradies auf Erden am nächsten kam.“
Von Vielfalt und Möglichkeiten
Auf dem Gelände seiner Todolí Citrus Fundació gibt es eine Versuchsküche, die mit dem Golden Novum Design Award ausgezeichnet wurde. Befreundete Spitzenköch:innen liefern der Stiftung kulinarischen Input, neben dem genialen Ferran Adrià etwa auch Quique Dacosta, dessen Küche mit drei Michelin-Sternen bewertet wird. Die Stiftung bietet zwischen November und April Führungen mit Verkostungen, bei denen auch der Zitrusstammbaum ausgehend von der eingangs erwähnten Zitronen-Urmutter, der Citrus medica, erläutert wird. Die Tische biegen sich dann angesichts des Gewichts der unterschiedlichsten Früchten, von winzig bis kindskopfgroß, von glattschalig bis pockennarbig oder gefurcht, mit Farben von hellem Zitronenfalterhellgelb über leuchtendes Grün bis zu Sonnenuntergangsorange.
„Was uns bei den Verkostungen und auch bei den Kochkursen wichtig ist zu vermitteln: dass man von Zitrusfrüchten alles verwenden kann“, sagt Vicente Todolí. Die Blätter lassen sich zum Aromatisieren von Flüssigkeiten ebenso einsetzen wie zum Einwickeln von Frischkäse oder Fisch. Für die farbige Außenschale, in der die aromabergenden ätherischen Öle sitzen, gibt es ebenso zahlreiche Verwendungsmöglichkeiten wie für das Fruchtfleisch, und sogar für das Marshmallow-artige Weiße, das Albedo von Zitrusfrüchten, das wegen seiner Bitterstoffe oft entfernt wird, kursieren Ideen.
Die Vielfalt dieser Produkte sei vor allem von Japan und Italien inspiriert, erzählt Vicente Todolí, „in diesen beiden Ländern werden so unglaublich viele verschiedene Dinge aus Zitrusfrüchten hergestellt. In Spanien hingegen: Supermarktmassenware, hier herrscht kaum Interesse an Vielfalt und Vertiefung. Wir sind nur Spitzenreiter, was die Produktion von Früchten für den Frischverzehr betrifft.“
Im Zitrushain mit Vicente Todolí
Sein besonderes Interesse gilt daher den Zitrusfrüchten Japans, Namen wie Hyuganatsu, Shikuwasa oder Amanatsu gleiten ihm flüssig über die Zunge. „In Japan ist die Bitterorange unter dem Namen daidai ein Symbol für Langlebigkeit und Generationendenken: Im Frühling gibt es einen Zeitpunkt, an dem man gleich drei Generationen an einem Baum sieht: Blüten, die ersten winzigen grünen Früchte und die letzten von den vorigen Saisonen, die bis zu drei Jahre auf dem Baum hängen bleiben. Der Baum verliert außerdem nie seine Blätter.“
Todolí liebt die japanische Küche, er ist seit vielen Jahren zweimal jährlich in Japan. „Nicht zuletzt zu Kunstzwecken, ich reise aber auch jedes Mal in eine andere landwirtschaftliche Region, wo ich wieder auf mir bis dato unbekannte Zitrusfrüchte treffe. Aber japanische Varietäten nach Europa zu bringen, ist besonders schwierig.“ Eine Herausforderung, die kürzlich von ersten Erfolgen gekrönt war: Seine Sammlung ist nun um sechs japanische Sorten reicher. „Man braucht Ausfuhrgenehmigungen vom Landwirtschaftsministerium, die Zweige müssen in Quarantäne, im Valencian Institute of Agricultural Research ins Labor und so weiter. Jede neue Sorte aus Japan kostet uns 5000 Euro.“ Und sie kostet Geduld: „Es wird Jahre brauchen, bis ich die ersten Früchte sehe.“