Die materielle Welt
von Designer Héctor Esrawe
An der Schnittstelle zwischen Handwerk und Kultur führt der Architekt und Designer Héctor Esrawe das kreative Erbe Mexikos in eine neue, mutige Ära – eine Vision, die er in einem Exklusivinterview mit Maison Ë teilt. Hier reflektiert er darüber, wie Tradition zu Innovation wird, wie Materialien Erinnerungen transportieren und warum Design zutiefst menschlich bleiben muss, um Bestand zu haben.
(Mexiko Special) Die Designtradition von Mexico City ist so dynamisch und vielschichtig wie die weitläufige Metropole selbst. Ihre Straßen und Ateliers sind geprägt von jahrhundertelanger Kunstfertigkeit – von aztekischen Ruinen und der strahlenden modernistischen Architektur von Luis Barragán bis hin zu den Bauhaus-inspirierten Werken von Emigrant:innen wie Klaus Grabe und Clara Porset. Nachdem jahrzehntelang internationale Trends das lokale Erbe oft in den Schatten gestellt hatten, greift eine neue Generation von Designer:innen nun auf das reiche handwerkliche und künstlerische Erbe ihres Landes zurück, um eine zeitgenössische Designidentität zu formen, die facettenreich ist, vielfältige Möglichkeiten bietet und tief in der Region verwurzelt ist.
An der Spitze dieser Bewegung steht Héctor Esrawe, ein multidisziplinärer Designer und Architekt, der sich bereits einen Namen gemacht hat und weiterhin die kreative Dynamik der neuen Generation prägt. Von seinem Studio in Roma Norte aus leitet er ein Designstudio, das mühelos zwischen Architektur, Möbeln und Düften changiert und einen Dialog zwischen Handwerk, Kultur und Innovation pflegt.
Innerhalb und außerhalb seines Studios steht die Zusammenarbeit im Mittelpunkt von Esrawes Arbeit. Neben der Mitbegründung von Design-Hubs wie EWE Studio, MASA Galeria und dem Glaskollektiv VISSIO gründete er 2016 zusammen mit Verónica Peña und Ignacio Cadena Xinú – ein Parfümhaus, das von der botanischen Vielfalt Amerikas inspiriert ist und neue Wege beschreitet, indem es Duft als Material behandelt, das Raum und Erfahrung prägt.
In all seinen Facetten offenbart Esrawe in seiner Arbeit die Tiefe des mexikanischen Designs jenseits bekannter Symbole und enthüllt vielschichtige Erzählungen und raffinierte Materialität. Er sprach mit Maison Ë über die Hintergründe seiner Arbeit, die transformative Kraft von Materialien und darüber, wie er Besucher:innen die kreative Essenz von Mexico City näher bringt.
Maison Ë Fangen wir ganz am Anfang an: Sie haben Industriedesign an der Iberoamerikanischen Universität in Mexico City studiert und sind später als Professor dorthin zurückgekehrt. Wenn Sie zurückblicken, welche der Fragen, mit denen Sie sich als Student beschäftigt haben, leiten Ihre Designarbeit heute noch?
Héctor Esrawe Von Anfang an faszinierte mich der emotionale und kulturelle Wert von Objekten – wie sie mit ihrem Kontext in Beziehung stehen, wie sie gebaut sind und wer sie baut. Als Student habe ich mich gefragt, wie Design über seine Nützlichkeit hinausgehen und zu einer Brücke zwischen Kunst, Architektur und Kultur werden kann – zu einem Werkzeug für Transformation, Erinnerung und Geschichtenerzählen. Diese Frage treibt meine Arbeit auch heute noch an. Jedes Projekt, das wir realisieren, sei es ein Möbelstück oder eine groß angelegte Installation, beginnt mit einer Erzählung und einem starken Gefühl für den Ort.
M.Ë Nach Ihrer Lehrtätigkeit an der Universität gründeten Sie 2003 das Esrawe Studio. Was hat Sie dazu bewogen, von der akademischen Welt in die Selbstständigkeit zu wechseln und Ihr eigenes multidisziplinäres Studio zu gründen?
H.E. Ich habe das Lehren geliebt, aber ich hatte das Bedürfnis, mich auf eine solidere und unabhängigere Weise zu etablieren. Durch Workshops, Vorträge und Atelierbesuche pflege ich weiterhin meine Beziehungen zur akademischen Welt, da ich den reflektierenden Charakter des Lehrens schätze. Die Gründung von Esrawe Studio ermöglichte es mir, ein Laboratorium zu schaffen, in dem verschiedene Disziplinen – Architektur, Möbel und Objekte – koexistieren und sich zu realen Projekten entwickeln konnten, immer im Dialog mit Handwerker:innen, Kund:innen und Räumen. Das gab mir die Freiheit, meine eigene Erzählung zu entwickeln und jedes Gebiet zu erkunden, das mich faszinierte. Ich vermisse die akademische Welt immer noch und hoffe, in naher Zukunft wieder einen Raum dafür schaffen zu können.
M.Ë Esrawe Studio ist dafür bekannt, fließend zwischen Architektur, Möbel- und Produktdesign zu wechseln. Wie schaffen Sie den Wechsel der Disziplinen?
„In Mexiko werden die kulturellen Schichten
und inneren Codes oft intuitiv verstanden.
Im Ausland werden sie eher zu einem
Fenster nach Mexiko.“
H.E. Unser Studio funktioniert eher wie ein horizontales Ökosystem und ist nicht in einzelne Abteilungen gegliedert. Eine für ein Möbelstück entwickelte Geschichte kann organisch eine architektonische Möglichkeit auslösen, und ein räumliches Konzept kann zu einem skulpturalen Objekt inspirieren. Der Übergang zwischen Maßstäben und Materialien ist Teil unserer Philosophie. Materialexperimente und gemeinsame Workshops mit Handwerker:innen schaffen eine gemeinsame Basis, und basieren auf der Idee auf natürliche Weise zwischen den Disziplinen wechseln können.
M.Ë Materialität spielt in Ihrer Arbeit eine zentrale Rolle, und Sie haben Materialien als etwas beschrieben, das eine eigene Sprache hat. Welche Materialien haben Sie am intensivsten erforscht, um ihr Ausdruckspotenzial zu erschließen?
H.E. Bronze und Glas sind zu meinen alchemistischen Forschungsgebieten geworden. Ihre Verwandlung fasziniert mich – sie erfordern technische Meisterschaft, Geduld und Respekt vor dem Prozess. Feuer, Zeit und Handwerkskunst können sie in Objekte verwandeln, die sowohl zeitlos als auch lebendig wirken. Diese Materialien werden seit Generationen von Handwerker:innen beherrscht; sie sind in der Lage, eine Geste, eine Schwingung oder einen Rhythmus einzufangen und greifbar zu machen.
M.Ë Ihre Signature Editions – limitierte Stücke, die Ihre Designsprache in Sammlerstücke destillieren – interpretieren oft traditionelles Handwerk durch zeitgenössische Formen neu. Welchen traditionellen Techniken begegnen Sie weiterhin mit besonderer Hochachtung?
H.E. Holzschnitzerei und Steinmetzkunst haben für mich eine besondere Bedeutung. Diese Handwerkskünste tragen jahrhundertelanges Wissen in sich und erfordern Demut. Sie widersetzen sich der Eile und diktieren ihren eigenen Rhythmus. Die Zusammenarbeit mit Handwerker:innen in diesen Bereichen fühlt sich eher wie ein Dialog mit der Geschichte an als wie die einfache Herstellung eines Objekts.
M.Ë 2016 haben Sie gemeinsam mit Verónica Peña und Ignacio Cadena das mexikanische Parfümhaus Xinú gegründet. Was war Ihr Ausgangspunkt für die Gestaltung dieses Ortes?
H.E. Verónica, Ignacio und ich hatten zuvor schon bei vielen Projekten zusammengearbeitet, aber Xinú entsprang Verónicas lebenslanger Leidenschaft. Unser erster Impuls war es, die erste echte Nischenparfümmarke Mexikos zu schaffen – eine Marke, die die Artenvielfalt unseres Landes und den botanischen Reichtum unseres Kontinents feiert, der sich mittlerweile auf Pflanzen aus aller Welt erstreckt. Wir wollten, dass sich die Marke wie ein Zufluchtsort anfühlt, ein ganzheitliches Erlebnis, bei dem der Duft die Besucher:innen leitet, ihnen die Weite und den Reichtum unserer Kultur offenbart und dies mit der Welt teilt.
M.Ë In Xinús erster Boutique, eingebettet in üppiges Grün im Stadtteil Polanco in Mexico City, wurde eine Autowerkstatt durch einen kreisförmigen Pavillon ersetzt. Wie kam es zu dieser Form im Rahmen des Design-Briefings?
H.E. Der Kreis entstand als Symbol für Kontinuität und Ritual – ein ehrlicher Ausdruck, der es den Gästen ermöglichte, sich von der Natur umgeben zu fühlen. Wir wollten, dass der Raum ein Geschenk an die Stadt ist und eine Verbindung zur Straße herstellt. Bei der Umgestaltung eines anonymen, zweckmäßigen Raums in einen Pavillon ging es darum, eine Pause zu schaffen – eine räumliche Erfahrung, die die Besucher:innen darauf vorbereitet, sich auf unser Universum einzulassen. Die Vorgabe war einfach: Schaffen Sie eine Atmosphäre, die das Immaterielle feiert und die Natur ehrt.
M.Ë Bei Xinú ist der Duft das wichtigste Medium, das Erlebnis prägt. Wie hat die Gestaltung eines Raums ohne sichtbares Primärmaterial Ihren Prozess verändert?
H.E. Normalerweise ist nach der Erzählung die Materialität unser wichtigstes Werkzeug, um das Erlebnis zu definieren. Bei Xinú wurde aber die Natur zum Protagonisten. Die Architektur wurde zu einer stillen, aber kraftvollen Bühne, die den Garten einrahmt und es der Atmosphäre – und den Düften – ermöglicht, den Raum vollständig zu erfüllen.
M.Ë Wie hat die Artenvielfalt Mexikos die Architektur von Xinú beeinflusst?
H.E. Wir wollten, dass die Architektur die Vielfalt unseres natürlichen Erbes widerspiegelt, ohne dabei wörtlich zu sein. Der kreisförmige Pavillon, der nachhaltige Bauprozess, das sanfte Licht und der organische Fluss der Räume wurden so gestaltet, dass die Gäste durch eine lebendige Landschaft spazieren können – eine sinnliche Reise statt einer herkömmlichen Ausstellung.
M.Ë Wie haben Sie die Ausstellungselemente konzipiert und was wollten Sie damit über die Parfums hinaus vermitteln?
H.E. Die Ausstellungselemente wurden als Fragmente einer größeren Geschichte konzipiert – als Landschaft, die in Objekten eingefangen wurde. Sie laden die Besucher:innen dazu ein, langsamer zu werden, zu lernen und zu entdecken. Das Parfüm wird nicht als Produkt präsentiert, sondern als Erlebnis – als kultureller und natürlicher Ausdruck.
„Bronze und Glas sind zu meinen alchemistischen Forschungsgebieten geworden.
Ihre Verwandlung fasziniert mich. “
WO HÉCTOR ESRAWE
IN MEXICO CITY
ESSEN GEHT
M.Ë Inwiefern unterscheidet sich das Entwerfen einer Parfümflasche vom Gestalten eines Raums – und wo treffen sich diese Welten?
H.E. Sie überschneiden sich in ihrer Methodik. Ob man nun ein Objekt oder einen Raum schafft: Der Prozess beginnt immer damit, den Kontext, die Bedürfnisse, die Materialien, die Machbarkeit und die Geschichte dahinter zu verstehen. Nach gründlicher Recherche und Analyse entwickelt sich das Design auf ähnlichen Wegen. Der Hauptunterschied liegt in der Größe und der Verwendung, aber die Absicht – ein Objekt oder einen Raum zu schaffen, der spricht, bevor er funktioniert – ist dieselbe.
M.Ë Sie haben dazu beigetragen, die Wahrnehmung des mexikanischen Designs international zu prägen. Was wird Ihrer Meinung nach immer noch missverstanden oder übersehen?
H.E. Lange Zeit gab es die Tendenz, mexikanisches Design durch Stereotypen oder vereinfachte kulturelle Symbole zu betrachten – Erwartungen, die bestehen bleiben, bis man die wahre Vielfalt unserer kreativen Landschaft kennenlernt. Das kulturelle Erbe ist zwar von entscheidender Bedeutung, aber beim zeitgenössischen mexikanischen Design geht es auch um konzeptionelle Tiefe, Materialinnovation und den Dialog zwischen Tradition und Moderne. Es geht ebenso sehr um Reflexion wie ums Feiern.
M.Ë Inwieweit beeinflusst die Geografie das Verständnis von Design?
H.E. In Mexiko werden die kulturellen Schichten und inneren Codes oft intuitiv verstanden. Im Ausland wird die Arbeit eher zu einer Entdeckung – einem Fenster nach Mexiko. Internationale Ausstellungen haben mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass Design Geschichtenerzählen ist: Der Kontext prägt die Lesart der jeweiligen Erzählung und offenbart oft Aspekte der Arbeit, die ich zuvor nicht vollständig gesehen habe.
M.Ë Mexico City ist bekannt für seine unabhängige Designszene. Wo entstehen Ihrer Meinung nach derzeit die originellsten Werke?
H.E. Die originellsten Werke entstehen an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen – dort, wo Architekt:innen, Designer:innen und Künstler:innen mit Handwerker:innen zusammenarbeiten und lokale Materialien und traditionelle Techniken verwenden. Kleine, unabhängige Studios und Werkstätten schaffen Werke, die sowohl tief verwurzelt als auch zukunftsweisend sind. Wir suchen Inspiration nicht mehr außerhalb, sondern verankern unsere Erkundungen in Tradition, Erzählung und Handwerk.
M.Ë Wenn Sie jemanden durch die kreative Gegenwart ihrer Stadt führen würden, wie würden Sie damit beginnen?
H.E. Ich würde mit einem kulinarischen Erlebnis beginnen. In den letzten fünfzehn Jahren hat sich die gastronomische Szene Mexikos zu einem kulturellen Botschafter entwickelt, der die Wahrnehmung prägt und das weltweite Interesse an unserem Erbe fördert. Von dort aus würde ich die Kunstszene erkunden, die sich parallel zu Design und Architektur exponentiell entwickelt hat. Mexico City bietet heute eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration – eine kreative Renaissance, die Leben, Kultur und Design in jedem Winkel miteinander verbindet.