22. Mai 2026

Das Hemd
neu gedacht

Fashion and Beauty

Klassiker neu zu denken und in andere Kontexte zu setzen, sodass vertraute Formen neue Relevanz gewinnen – dieses Spiel der Mode beherrschen Matthieu Blazy und Jonathan Anderson, die beiden derzeit wohl am aufmerksamsten beobachten Designer zweifellos. Das Hemd dient dabei als Ausgangspunkt: neu definiert über Proportion, verfeinert durch höchste handwerkliche Präzision und getragen mit einer zeitgenössischen Freiheit. Was dabei entsteht, ist keine Neuerfindung, sondern eine neue Lesart. 

Das neue Chanel: Blazy im Dialog mit Madame Chanel
Matthieu Blazys Debüt bei Chanel zählte zu den überzeugendsten Aussagen der Saison – modern, gelassen und von bemerkenswerter Leichtigkeit. Die Kollektion bewahrt das Savoir-faire des Hauses und schafft zugleich Raum für Klarheit und Offenheit. Anstatt Chanels vertraute Ikonen in den Vordergrund zu rücken, verbrachte Blazy viel Zeit in den reichen Archiven des Hauses. Sein Blick richtete sich dabei auf einen frühen, prägenden Moment der Geschichte des Hauses: Gabrielle Chanels Beziehung zu Boy Capel und die kleine Revolution, die aus dieser Intimität hervorging.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte Gabrielle Chanel das Hemd in das Repertoire ihres Hauses ein – und damit in die Garderoben von Frauen, die bis dato noch in Korsetts gefangen waren. Die Hemden, welche Chanel aus Boy Capels Umfeld übernahm, stammten von Charvet: einem familiengeführten Haus, das nicht nur als älteste Hemdenmanufaktur Frankreichs gilt, sondern als die älteste der Welt, die den Begriff der Chemiserie überhaupt erst prägte.

Durch architektonische Schnitte, außergewöhnliche handwerkliche Präzision und Stoffqualitäten von seltener Güte gewann Charvet früh die Aufmerksamkeit der europäischen Elite. Das Haus entwickelte sich in einem historischen Moment, in dem Wohlstand, kulturelle Neugier und gestalterischer Anspruch eine gemeinsame Basis bildeten. Die erneute Zusammenarbeit mit Chanel ergibt sich aus dieser Kontinuität heraus beinahe selbstverständlich.

„Chanel ist Liebe. Die Geburt der Moderne in der Mode entspringt einer Liebesgeschichte. Das finde ich am schönsten. Sie kennt weder Zeit noch Raum; es ist eine Idee von Freiheit. Die Freiheit, getragen und erobert von Gabrielle Chanel.“

MATTHIEU BLAZY, CREATIVE DIRECTOR CHANEL
CHANEL
SPRING SUMMER 2026
CHANEL
SPRING SUMMER 2026

Gabrielle Chanels androgyn gedachte Garderobe, inspiriert von Capel, markierte einen entscheidenden Wendepunkt. Elemente der Herrenmode – praktisch, funktional und befreiend – wurden in ihre eigene Kleidung integriert und formten eine neue Silhouette, die Struktur mit Leichtigkeit verband. Das Paradox ihrer Weiblichkeit liegt in ihrer Kraft: eine Garderobe, in der Pragmatismus und Funktionalität neben Verführung und Präsenz koexistieren.

Blazys Debütkollektion setzt genau hier an. Hemd und Hose verweisen direkt auf Capel. Das Hemd bewahrt traditionelle maskuline Proportionen und wird subtil durch eine Kette verankert. Charvet steuert dabei Stoffkompetenz und handwerkliche Technik bei, umgesetzt in drei eigens entwickelten Hemddesigns.

Hemden werden bewusst inszeniert, kombiniert mit federbesetzen Ballröcken oder asymmetrisch geformten Volumen, in denen Eleganz gerade so weit destabilisiert wird, dass sie lebendig bleibt. In diesem Gleichgewicht liegt Chanels bleibendes Versprechen: Moderne entsteht nicht nur durch Bruch, sondern durch Liebe, die tragbar wird.

DIOR
SPRING SUMMER 2026
DIOR MEN
SPRING SUMMER 2026

Das neue Dior: Eine Hommage an die Geschichte und das Jetzt
Bei Jonathan Anderson, dem neuen Kreativdirektor für Damen- und Herrenmode bei Dior, wird Mode neu gelesen. Anderson interessiert sich weniger für Inszenierung als für Haltung, weniger für Effekt als für Beziehung. Die Frühjahr/Sommer-Kollektion 2026 bewegt sich daher weg von Übermaß und Spektakel hin zu Aufrichtigkeit und Empathie.

Im Zentrum steht dabei das Hemd – nicht als ikonisches Statement, sondern als vertraute Form. Es kehrt in unterschiedlichen Konstellationen wieder: ob zu schlichten Hosen, in verkürzter Form oder in Kombination mit skulptural geformten Röcken. Besonders in der Damenkollektion entsteht Spannung durch Kontrast: schlichte, hellblaue und weiße Hemden treffen auf romantisch-aristokratische Mini-Federröcke oder dekonstruierte Shape-Skirts. Das Alltägliche bleibt ruhig, während Volumen, Textur und Farbe die emotionale Ebene öffnen.

Mehrfach kommen in der Kollektion Hemden mit strukturierter Front vor: Bib-Fronts, bekannt aus der klassischen Herrenabendgarderobe, erscheinen zum Smoking getragen sachlich und souverän zugleich.
In einzelnen Looks löst sich das Hemd von seiner klassischen Funktion und wird zum hybriden Shirt-Garment. Drapierungen, weiche Materialien und reduzierte Details lassen es lässiger wirken, ohne die strukturelle Klarheit aufzugeben.

So entsteht eine Dior-Sprache, die außergewöhnlich wirkt, ohne laut zu sein. Kleidung wird zur Projektionsfläche für Persönlichkeit.

„Um für eine Maison wie Dior zu arbeiten, muss man sich in ihre Geschichte hineinversetzen, um ihre Zukunft zu gestalten.“

JONATHAN ANDERSON, CREATIVE DIRECTOR DIOR
Text
Astrid Doil
Fotografie
PR
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