Die eklektische Fusion
von LO2
Das spanische Interior- und Architekturstudio LO2 steht ebenso für Eklektizismus wie für Komfort und Identität. Ihr perfekter Spielplatz: Andalusien.
Maison Ë traf Luisa Olazábal und Luis Ojeda, die kreativen Köpfe hinter dem Studio, um zu erfahren, wie sie andalusisches Design nicht nur bewahren, sondern auf ein neues Niveau heben.
(Südspanien Special) „Zwei Seelen begegnen sich nicht zufällig“, lautet ein Zitat des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges, das perfekt zu LO2 passt. Luisa Olazábal und Luis Ojeda haben scheinbar völlig unterschiedliche Hintergründen. Olazábal wuchs in einer spanischen Familie von Architekt:innen und Interior-Designer:innen auf, und ihr Gespür für Raum und Kreativität führte sie schon früh ganz selbstverständlich zu ihrem Beruf. Nach mehreren Jahren in London gründete sie 2004 in Madrid ihr Studio. Ihr intuitiver und leidenschaftlicher Ansatz, kombiniert mit einer starken Persönlichkeit, machte LO2 rasch zu einem Erfolg.
Im Gegensatz dazu hatte Luis Ojeda 25 Jahre lang im Finanzwesen gearbeitet, bevor er 2014 zum Design wechselte. Bei LO2 ist das, was zunächst wie eine seltsame Kombination erschien, zur perfekten beruflichen und persönlichen Verbindung geworden. Seine lebenslange Liebe zu Kunst, Architektur und Gärten – die ihm sein Vater vermittelt hat – trifft auf das strukturierte Denken und die Führungsqualitäten, die er über Jahrzehnte in der Finanzbranche verfeinert hat. Das Ergebnis ist ein Büro, in dem Kreativität, Rationalität und Leidenschaft nahtlos miteinander verschmelzen.
Gemeinsam leiten Olazábal und Ojeda ein multidisziplinäres Team von mehr als 30 Spezialist:innen und schaffen ganzheitliche Konzepte. Neben ihrem geschäftigen Studio in Madrid unterhalten sie mittlerweile Büros in Lissabon und Marbella. Vor allem in Marbella wächst die Nachfrage nach ihrer Arbeit von Jahr zu Jahr.
MAISON Ë Die berühmte Interior-Designerin und der Finanzfachmann – stimmt es, dass ihr euch bei einem Abendessen kennengelernt und kurz darauf beschlossen habt, eure Kräfte zu bündeln?
LUISA OLAZÁBAL Es war ein Abendessen bei Luis. Er hatte ein neues Haus und alle schwärmten davon, wie schön es sei. Ich kannte seine Frau, also sagte ich: Warum lädst du mich nicht mal zu dir ein? Und das tat sie.
M. Ë War das Haus so stilvoll, wie alle sagten?
LUISA OLAZÁBAL Ja, aber was noch auffälliger war, dass Luis – den ich bisher nur vom Sehen kannte – sehr an meiner Arbeit interessiert zu sein schien. Er fragte mich immer wieder: Wie gehst du bei deinen Projekten vor? Wie viele Mitarbeitende hast du? Wie läuft der Prozess ab?
LUIS OJEDA Es war sehr lustig, denn zu dieser Zeit war ich im Gespräch mit vier verschiedenen Interior- und Architekturbüros, bei denen ich mich vorstellen konnte, einzusteigen, um endlich meiner Leidenschaft für Design nachzugehen – aber Luisas Büro war nicht auf der Liste. Nicht, weil ich sie oder ihren Stil nicht mochte oder so, sondern einfach, weil ich nicht mit Freund:innen zusammenarbeiten wollte, da Luisa meine Frau kannte. Doch dann kamen wir ins Gespräch …
LUISA OLAZÁBAL… und irgendwann dachte ich: Warum um alles in der Welt interessiert er sich so sehr dafür? Dann rückte er mit der Wahrheit raus. Und hier sind wir nun: LO2. Sogar unsere Initialen passen perfekt zusammen.
LUIS OJEDA Wir haben zwar sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, ergänzen uns aber sehr gut.
M. Ë Was ist eure gemeinsame Vision für das Studio?
LUISA OLAZÁBAL Die schönsten und brillantesten Innenräume zu schaffen – durch einen Stil, der Eklektizismus, eine Leidenschaft für Kunst, Architektur, Design und alles verkörpert, was einen „vibrieren“ lässt. Zumindest ist das der Begriff, den wir auf Spanisch verwenden.
LUIS OJEDA Es ist eine ganzheitlichere, umfassendere Sichtweise. Wir spielen gerne mit allem gleichzeitig: Architektur, Interior-Design, Dekoration, Landschaftsgestaltung, Kunst.
M. Ë Sie sprechen viel über Ihr Team und davon, dass Sie die bestmöglichen Leute für all die verschiedenen Disziplinen zusammengestellt haben. Spanier:innen sind dafür bekannt, sehr gesellig zu sein und über ausgeprägte soziale Kompetenzen zu verfügen. Glauben Sie, dass dies auch eine wesentliche Rolle dabei spielt, warum spanische Studios immer gefragter sind?
LUISA OLAZÁBAL Spanier:innen sind von Natur aus gesellig. Das ist etwas, das man hat oder nicht hat. Erzwingen kann man es nicht.
LUIS OJEDA Man muss die Beziehung zu den Kund:innen – auch den potenziellen – sehr lebendig halten. Auch das ist eine Kunstform. Man kann der beste Kreative der Welt sein, aber wenn es einem an emotionaler Intelligenz mangelt, wird es sehr schwierig sein, ein gutes Studio zu führen. Die Leute wollen, dass man ihnen zuhört. Sie wollen sicher sein, dass derjenige, der sich um ihre Projekte kümmert, wirklich bei der Sache ist.
LUISA OLAZÁBAL Ich würde sagen, eines meiner wichtigsten Anliegen ist es immer, eine Beziehung zu den Kund:innen aufzubauen.
M. Ë Nun, letztendlich ist es ihr Haus, ihr Zuhause, sie wollen einbezogen werden.
LUISA OLAZÁBAL Ja, sie wollen ein Teil davon sein, aber sie können es nicht allein schaffen. Das Leben ist so viel komplizierter geworden. Ich glaube, vor 100 Jahren konnte man noch Leute finden, die ein paar Dinge im Haus selbst regeln konnten. Aber heutzutage ist es sehr, sehr kompliziert wegen der zahlreichen Vorschriften und der Informationsflut, die wir haben – es ist ein Chaos. Früher gab es in deiner Stadt drei Maler und zwei Leute, die schöne Steine verkauften. Heute findest du so viele verschiedene Anbieter, Möglichkeiten und Handwerker:innen. Man sieht all diese Dinge auf Instagram, im Internet, überall. Die Entscheidungen darüber, wie dein Haus aussehen soll, war noch nie so schwierig.
LUIS OJEDA Andererseits kann man heute viel schönere Innenräume gestalten als vor 100 Jahren. Damals hatte niemand gut gestaltete Häuser, nur der Adel und die sehr, sehr wohlhabenden Familien. Die übrigen Häuser waren ziemlich langweilig. Heute gibt es so viele Möglichkeiten, dass man fast schon nervös wird.
M. Ë Wann haben Sie beschlossen, ein eigenes Studio in Marbella zu eröffnen?
LUIS OJEDA Vor fünf oder sechs Jahren. Wir haben eine Chance in Marbella gesehen. In dieser Gegend gibt es viele neue Projekte. Das hängt auch wieder mit dem ganzheitlichen Ansatz zusammen, über den wir gesprochen haben. Die meisten Häuser in Marbella sind sehr eng mit Gärten verbunden, was eine große Stärke unseres Studios ist.
LUISA OLAZÁBAL Wir arbeiten auch sehr gerne mit internationalen Kund:innen zusammen. Sie haben andere Sichtweisen und sind sehr offen für neue Ideen. Es gab kein Studio wie das unsere auf dem Markt, eigentlich gab es überhaupt keine spanischen Büros.
M. Ë Sie haben zuvor erwähnt, dass Sie es schade finden, dass die Gegend allmählich ihren andalusischen Stil verliert.
LUISA OLAZÁBAL Viele Architekt:innen reproduzieren das, was man ohnehin überall finden kann. LO2 geht das Risiko ein, etwas wirklich gut Gestaltetes zu schaffen, ohne dabei die Geschichte des Ortes aus den Augen zu verlieren. In unseren Städten im Süden Spaniens steckt jahrhundertelange Geschichte. Etwa das Erbe der arabischen Welt, das wir in diesen wunderschönen Kacheln und Farben haben. So wurden andalusische Häuser jahrhundertelang gestaltet – und jetzt baut jeder weiße Klotzhäuser, die überall stehen könnten, in Kalifornien, Singapur, Frankfurt. Ich verstehe das nicht.
M. Ë Ihr beide verbringt seit vielen Jahren eure Sommer in Andalusien. Was ist das Besondere an dieser Gegend, von der so viele Menschen schwärmen?
LUISA OLAZÁBAL Wir haben ein Familienhaus in Cádiz und das ist mein absoluter Glücksort. Die Freude, die Wonne, die Farben, die Menschen. Es ist schwer zu beschreiben.
M. Ë Marbella hatte in den 1990er-Jahren seine Blütezeit hinter sich. Doch gerade in den letzten Jahren scheint es ein Comeback zu erleben.
LUISA OLAZÁBAL Alle wollen wieder nach Marbella. Aber es gibt zwei Marbellas.
LUIS OJEDA Vielleicht sogar drei oder vier. Da ist das sehr elegante Marbella, die Golden Mile, mit traditionellen, unglaublich schönen Häusern. Und es gibt zwei oder drei andere Stadtteile, die „encanto“ sind, was auf Spanisch „charmant“ bedeutet. Es ist schade, denn die Stadtentwicklung wurde nicht gut umgesetzt. Eigentlich ist es ziemlich hässlich, aber man findet immer noch viele schöne Orte.
M. Ë Wie versuchen Sie, den traditionellen andalusischen Stil in Ihren Projekten zu bewahren?
LUISA OLAZÁBAL Zunächst einmal: Andalusien ist reich an großartiger Handwerkskunst und ausgezeichneten Handwerker:innen. Wie könnten wir nicht mit ihnen zusammenarbeiten? Wenn wir das nicht tun, wird dieses Erbe verschwinden, und wir werden alle in weißen Wohnblocks leben. Und aus architektonischer Sicht halten wir das für völlig unsinnig. Viele Projekte, die derzeit entwickelt werden – das gilt zum Beispiel auch für Mallorca oder Ibiza –, machen in Bezug auf Temperatur, Lichteinfall oder Materialauswahl keinen Sinn. Eine sechs Meter breite Glasfront? In Südspanien? Da gibt man im Sommer sein ganzes Geld für Klimaanlagen und im Winter fürs Heizen aus.
LUIS OJEDA Wir mögen den lokalen Ansatz. Wo auch immer wir arbeiten, wollen wir zuerst den Ort verstehen – seine Wurzeln begreifen – und dann beginnen wir mit der Arbeit. Und ich glaube, viele Menschen sehen das heute genauso; sie wollen Orte, die sich authentisch anfühlen.
M. Ë Unter anderem habt ihr die berühmte Villa „La Gratitud“ in Marbella renoviert und neu gestaltet – die mit einem Preis von 36 Millionen Euro einst die teuerste Immobilie Andalusiens war.
LUISA OLAZÁBAL Niemand wollte das Haus, weil es 2.700 m² groß war. Oder besser gesagt: Niemand konnte es sich leisten. Es musste komplett renoviert werden. Dann kam ein Investor und erwarb es. Der Mann war mutig; er investierte viel Geld, um es zum schönstmöglichen Haus zu machen, und brachte es dann auf den Markt. Es verfügt über alle Annehmlichkeiten, von denen man nur träumen kann. Kino, Poolhaus, Pokerraum – ich glaube, das Einzige, was fehlt, ist ein Golfsimulator. Aber das Projekt war eine enorme Herausforderung.
M. Ë In welcher Hinsicht?
LUISA OLAZÁBAL Wegen der schieren Größe des Hauses. Es ist so groß, dass es gar nicht so leicht war, es gemütlich wirken zu lassen, wie ein echtes Haus und nicht so, als wäre man in einem Flughafengebäude. Das Wohnzimmer ist doppelt so groß wie ein Tennisplatz. Aber letztendlich war es ein großer Erfolg – die Leute melden sich immer noch bei uns, weil sie Bilder vom Haus und seiner Innenausstattung gesehen haben.
LUIS OJEDA Die Geschichte des Hauses ist sehr interessant. Es gehörte einem marokkanischen General, der es geschenkt bekommen hatte – deshalb nannte er es „La Gratitud“.
„Andalusien ist reich an großartiger Handwerkskunst und ausgezeichneten Handwerker:innen. Wie könnten wir nicht mit ihnen zusammenarbeiten?“
M. Ë Sie verwenden oft das Wort „gemütlich“. Spielt Gemütlichkeit eine wesentliche Rolle in Ihren Entwürfen?
LUISA OLAZÁBAL Gemütlichkeit ist für uns sehr wichtig. Man kann das schönste Haus der Welt entwerfen, aber wenn es nicht gemütlich ist, hat man versagt.
M.Ë Einige Ihrer Kolleg:innen würden dem wahrscheinlich widersprechen.
LUIS OJEDA Viele Innenräume ähneln Kunstgalerien. Unsere Häuser sollten ein Ort der Freude sein.
LUISA OLAZÁBAL Ein Ort, den man mit seiner Familie und seinen Freund:innen teilt, mit einem warmen Gefühl. In Spanien sagen wir oft „hogar“ statt Haus. „Hogar“ ist ein Ort, an den man gehört.
M. Ë Wie erreichen Sie diese Qualität?
LUISA OLAZÁBAL Komfort bedeutet auch, die Persönlichkeit der Kund:innen zu integrieren und widerzuspiegeln. Deshalb nehmen wir uns zunächst Zeit, die Kundin oder den Kunden kennenzulernen und seine beziehungsweise ihre funktionalen und ästhetischen Bedürfnisse zu ergründen. Erst dann beginnen wir mit der Gestaltung.
LUIS OJEDA Jedes Einzelstück – insbesondere die bereits vorhandenen Möbel und Kunstwerke – muss seinen Platz finden.
Das kostet viel Zeit. Sehen Sie das Gemälde an der Wand hinter Ihnen? Wir haben mehrere Wochen gebraucht, um den richtigen Platz dafür zu finden!
M. Ë Sie haben bei LO2 eine eigene Kunstabteilung.
LUISA OLAZÁBAL Die von Luis geleitet wird, und ich glaube, das verändert die Dinge komplett. Vorher hatten wir oft Probleme, ein Projekt „richtig“ abzuschließen. Es war oft eine 9 von 10, weil das letzte Objekt – ein kleines Bild an der Wand oder ein Gegenstand, der irgendwo steht – in einem linearen Prozess nur schwer zu erreichen ist. Wenn man bis zur letzten Minute wartet, ist kein Geld mehr da, keine Energie mehr vorhanden. Aber wenn man Kunst von Anfang an als integralen Bestandteil des Ganzen einbezieht, erreicht man leicht eine 10 von 10.
LUIS OJEDA Wir haben einen anderen Ansatz in Bezug auf Kunst als viele andere Studios. Wir sind der Meinung, dass die Objekte ein Eigenleben, eine eigene Identität haben sollten. Wir arbeiten mit mehr als 100 Künstler:innen zusammen und schlagen dem Kund:innen von Anfang an verschiedene Optionen vor.
M. Ë Es gibt ein Zitat von Christian Morgenstern: „Fürsten, zeigt mir, wie ihr baut, und ich zeige euch, wer ihr seid.“ Gilt das auch noch, wenn man mit einem gefragten Architekten und/oder einer Interior-Designerin zusammenarbeitet?
LUISA OLAZÁBAL Natürlich. Es sagt immer noch viel über den Eigentümer aus. Als ich mein Hochzeitskleid beim Designer Lorenzo Caprile bestellte, glaubst du, ich habe ihm gesagt, was er tun soll? Nein. Aber natürlich habe ich ihm gesagt, wer ich bin: eine Interior-Designerin, die sich schlicht kleidet, vielleicht sogar maskulin, und die Rüschen hasst. Er hat es entworfen – aber unter Berücksichtigung meiner Persönlichkeit.
LUIS OJEDA Indem man jemanden auswählt, trifft man bereits eine Entscheidung.
LUISA OLAZÁBAL Die meisten Kund:innen wissen, was ihnen gefällt, aber sie wissen nicht, wie sie es umsetzen sollen. Es sind äußerst kluge Menschen, weil sie uns die Freiheit geben, kreativ zu sein.
„Viele Innenräume ähneln Kunstgalerien. Unsere Häuser sollten ein Ort der Freude sein.”