Ettore Bugatti und das
Château Saint Jean

 

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Ettore Bugatti verwandelte das Château Saint Jean in ein wahres Spiegelbild seiner Persönlichkeit, in dem Architektur, Einrichtung und Erfindungen nahtlos mit Eleganz, technischer Innovation und seinen kompromisslosen Ansprüchen an Design und Funktionalität verschmolzen.

Ettore Bugatti: Ein Visionär, der technische Brillanz mit künstlerischem Ausdruck verband.

(Historische Plätze) Als Ettore Bugatti 1928 das Château Saint Jean erwarb, verwandelte er es in ein detailgetreues Spiegelbild seines einzigartigen Temperaments und seiner Überzeugungen – einen Ort, an dem Gäste, Kund:innen, Rennfahrer und Prominente gleichermaßen willkommen waren. Das 1857 von der Familie Wangen de Geroldseck erbaute Schloss steht ganz in der retrospektiven klassischen Tradition – einer Architektur des 19. Jahrhunderts, die von französischen Klassikmotiven des 18. Jahrhunderts inspiriert ist und diese neu interpretiert. Auch heute noch strahlen das typische Mansardendach, die symmetrischen Fassaden, die polygonalen Ecktürme, die Dachgauben und die Balkone elegante Zurückhaltung und zeitlose Würde aus. Oft wurden die Besucher:innen in Bugattis persönlichem Typ 41 Royale unter dem kunstvollen Steinbogen mit den Initialen von Ettore hindurchgefahren und betraten nach der Begrüßung auf der hufeisenförmigen Treppe das neoklassizistische „Château Bugatti“. Die von Bugattis Vater Carlo entworfene Einrichtung im Jugendstil – geprägt von raffinierten, fließenden Formen, viel Liebe zum Detail und Materialien von höchster Qualität wie italienischem Nussbaumholz, Bronze oder Kupfer.

Bugatti als Gastgeber
Bei den aufwendigen Dinnerpartys für die Elite des 20. Jahrhunderts kamen Bugattis personalisierte Tischgedecke mit seinem eigenen, ergonomisch perfekt geformten und mit seinen Initialen gravierten Besteck zum Einsatz. Als Mann mit tadellosen Manieren, der dasselbe von seinen Gästen erwartete, soll Bugatti einmal einem Gentleman königlicher Abstammung den Verkauf eines Autos verweigert haben, weil dieser nicht richtig mit Messer und Gabel umgehen konnte. Das Abendessen selbst war ebenso akkurat, denn Bugatti servierte seinen Gästen frisch geerntete Zutaten aus seiner neu erbauten Orangerie – mit einem speziellen Belüftungssystem, das auf einer einzigartigen Stahlkonstruktion nach seinem eigenen Entwurf basierte – und Eier aus seinem ebenfalls selbst entworfenen Hühnerstall auf Rädern. Die vom Magnaten so geliebte frische Pasta wurde in einer Maschine seiner eigenen Konstruktion hergestellt, bei der ein Lenkrad des Bugatti Type 46 als Kurbel diente, um den Teig zu Pasta zu verarbeiten.

Der Bébé Bugatti Typ 52, eine halb so große Version des Typ 35, war ein Geschenk für Bugattis Sohn Roland zu seinem fünften Geburtstag.
Ettore Bugatti verwandelte das Château Saint Jean in einen Spiegel seiner Vision und seines Stils.

Eine Idee führt zur nächsten
Mit rund 1.000 Patenten lebte Bugatti nach dem Motto: „Ein technisches Produkt ist erst dann perfekt, wenn es auch ästhetisch makellos ist.“ Als Erfinder der Aluminiumfelge, der bruchsicheren Windschutzscheibe, ultraleichter Klappsitze, automatischer Tankdeckel und seiner eigenen sechskantigen Schrauben und Muttern (die auch bei hohen Geschwindigkeiten stabil blieben) warf Bugatti auch einen kritischen Blick auf Alltagsgegenstände, die er für minderwertig hielt. Oft verfeinerte oder erfand er bestehende Gegenstände neu und entwarf so beispielsweise seinen eigenen ultraleichten Fahrradrahmen, einen zylindrischen Rasierer und sogar eine Angelrute. Zu seinen bekanntesten Erfindungen zählen der Autorail – ein Eisenbahnwagen mit technischen Teilen, die direkt aus dem Bugatti Royale stammen – und der Bébé Bugatti Type 52, eine Miniaturausgabe des Type 35 im Maßstab 1:2, die er speziell für seinen Sohn Roland zu dessen fünftem Geburtstag anfertigen ließ.

Während Roland in seinem Mini-Bugatti, der von einem Elektromotor und einer 12-Volt-Batterie angetrieben wurde und Geschwindigkeiten von bis zu 20 km/h erreichen konnte, über das Schlossgelände flitzte, saß sein Vater oft auf dem Rücken einer seiner Vollblüter und inspizierte von dort aus die Arbeit seiner Handwerker und Ingenieure in der Produktionsstätte. Oft begleitet von seinem Esel Totosche (ein Geschenk des Grafen Florio nach seinem Sieg bei der Targa Florio 1929), erfand Bugatti auch einen winzigen (und geräuschlosen) elektrischen Typ 56 als Einzelstück, als er bemerkte, dass seine Arbeiter ihn auf dem Pferd kommen hörten und so genügend Zeit hatten, mit dem Herumalbern aufzuhören.

„Mit lauter Stimme, farbenfroh gekleidet, voller Lebensfreude und mit einem braunen Bowler-Hut auf dem Kopf sah er eher wie ein Reiter aus, der sich unter Autos verirrt hatte“, schrieb Jean-Albert Grégoire 1953 in der Zeitschrift L’Aventure Automobile über Bugatti. „Bugatti war ein reiner Künstler; sein Fachwissen stammte aus seiner Erfahrung, die mit den Jahren wuchs, und einer natürlichen mechanischen Begabung, die durch seine Beobachtungsgabe unterstützt wurde.“

Das Château Saint Jean wurde zu einem
detailgetreuen Spiegelbild von Bugattis
einzigartigem Temperament und
seinen Überzeugungen.

Bugattis Vermächtnis in Molsheim
Ettore wurde 1881 in Mailand als ältester Sohn von Teresa Lorioli und Carlo Bugatti geboren. Schon in jungen Jahren begann er ohne jegliche Ausbildung mit der Reparatur kleiner Motoren, entwarf mit sechzehn Jahren ein motorisiertes Dreirad und nur ein Jahr später sein erstes Auto. Die Gründung seines eigenen Unternehmens war unvermeidlich, 1909 wurde schließlich Bugatti geboren, wodurch Molsheim im Nordosten Frankreichs für immer zur Heimat innovativer Technik und exquisiter Handwerkskunst wurde.

Heute sind die Spuren von Ettore Bugatti in Molsheim noch immer allgegenwärtig: Besucher:innen können sich auf eine Entdeckungstour begeben und 12 Sehenswürdigkeiten erkunden, die mit Informationstafeln versehen sind, welche die Geschichte Bugattis erzählen – von der ehemaligen Fabrik und dem Wohnhaus der Familie bis hin zur Bronzestatue von Ettore. In der Chartreuse, einem historischen Kartäuserkloster, zeigt die Bugatti-Stiftung historische Bugatti-Fahrzeuge und ein Fahrgestell sowie ungewöhnliche Objekte, Möbel und Dokumente, die einen Einblick in das Leben der Familie Bugatti geben.

Das Grab des Automobil-Moguls in Dorlisheim ist zu einer Pilgerstätte geworden, insbesondere für Autoliebhaber:innen, die während der Eröffnungsfeier des jährlichen Bugatti-Festivals ihre Ehrerbietung erweisen. Das Festival findet am Geburtstag von Ettore (15. September) statt und wird durch die Ankunft von Oldtimern und modernen Bugatti-Modellen geprägt, die um Trophäen kämpfen und die Stadt mit dem Sound ihrer Motoren wieder zum Leben erwecken. In der nahe gelegenen Stadt Mülhausen stellt das Museum Cité de l’Automobile die größte Sammlung von Bugatti-Fahrzeugen (rund 120) aus und zeichnet die Entwicklung der Marke visuell nach.

Bugattis Vater entwarf jedes Möbelstück im Jugendstil.

Das Schloss heute
Das Château Saint Jean, das nach Jahren der Vernachlässigung 2021 renoviert wurde, dient heute als Hauptsitz der Bugatti Automobiles S.A.S. Obwohl es nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich ist, strahlt es weiterhin das Erbe Bugattis aus und dient gleichzeitig als Drehscheibe für die Aktivitäten der Marke. Im Jahr 2022 bot Bugatti einer ausgewählten Gruppe von VIP-Kund:innen das Erlebnis „One Night at the Château“ an, bei dem eine Übernachtung nach den hohen Standards von Ettore Bugatti nachempfunden wurde. Nach einer Besichtigung des Schlosses und des wunderschön restaurierten 23 Hektar großen Anwesens – einschließlich der renovierten Remise Nord mit ihrer Ausstellung von Bugatti-Oldtimern – wurden die Gäste zu einer exklusiven Fahrt in einem originalen Bugatti Type 51 und dem modernen Chiron Super Sport eingeladen.

Ein Besuch im neu erbauten Bugatti Atelier, wo eine Handvoll hochqualifizierter Ingenieur:innen und Techniker:innen jedes Auto von Hand zusammenbauen, wurde gefolgt von einem Abendessen im Garten, beleuchtet von Kerzenschein. Die privilegierten Gäste verbrachten die Nacht unter dem Mond und den Sternen in einer luxuriösen transparenten geodätischen Kuppel, wobei die wenigen Glücklichen die wilde und umherstreifende Hirschherde des Anwesens beobachten konnten. Es war ein Erlebnis, das eine unumstößliche Wahrheit eindrucksvoll bestätigte: Molsheim wird immer das Herz von Bugatti und das Vermächtnis seines wegweisenden Gründers bleiben – ein Ort, an dem nichts zu schön ist, besonders das Design.

Text
Feride Yalav-Heckeroth
Fotografie
Bugatti Trust Archive
PR
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