26. August 2026

Der Mode
Ambassador

Fashion and Beauty

Alejandro Gómez Palomo, Gründer des Labels Palomo, gehört zu den erfolgreichsten Designern Spaniens. Mit seinen Entwürfen übersetzt er die Sinnlichkeit und Dramatik Andalusiens in Mode. Das hat viel mit seinem südspanischen Heimatdorf Posadas zu tun.

(Südspanien) Offiziell ist Alejandro Gómez Palomo Modedesigner, inoffiziell der beste kulturelle Botschafter, den sich eine Region wünschen kann. Seit der Designer vor elf Jahren mit seinem Label, das damals noch „Palomo Spain“ hieß, und erst seit kurzem unter „Palomo“ firmiert, gleich mit der ersten Kollektion den Durchbruch schaffte, ist auch die Bekanntheit seines Heimatdorfes Posadas schlagartig gestiegen. Nicht nur, weil der 34-Jährige dort bis vor kurzem immer noch sein Atelier hatte, obwohl er die Kollektionen auf den Laufstegen von New York, Paris oder Madrid präsentierte. Sondern zuletzt auch deshalb, weil sich seine Herkunft so deutlich in den Entwürfen widerspiegelt.

Posadas ist eine 7000-Einwohner-Kleinstadt südwestlich von Córdoba. Der Ort liegt am Rand der weiten Ebenen Andalusiens, wo die Sommer brütend heiß werden und die Traditionen immer noch sehr viel tiefer sitzen als in den Metropolen, in denen Mode normalerweise entsteht. Palomos Eltern führten eine dieser typisch spanischen Bars mit silbernen Stühlen auf der Terrasse. Die Nachbarin im Obergeschoss nähte, und deren Tochter und der junge Alejandro überredeten sie, immer neue, noch fantasievollere Kostüme für ihre Barbies anzufertigen. Sie sollten nicht pink und lieblich sein, sondern das gleiche Temperament verkörpern wie die Kleider, die die Frauen und Männer beim Flamenco trugen oder bei den rauschenden Familienfesten und den religiösen Prozessionen, die sie aus Kinderaugen bestaunten. „In Andalusien wird Kleidung getragen, als sei das Leben eine einzige Bühne“, sagt Palomo. Diese Haltung habe ihn früh in seiner Ästhetik geprägt.

PALOMO PRE-SPRING 2025
PALOMO PRE-SPRING 2025
Palomos Herbst-/Winterkollektion 2026 bleibt ihren Wurzeln treu – den spanischen, genauer gesagt den südspanischen.

Im modischen Niemandsland
Nach der Schule ging er nach London, um am London College of Fashion zu studieren. Er lernte das Modehandwerk, deren Inszenierung und wie das internationale Fashion Business funktioniert. Doch statt zu versuchen, als „Landei“ möglichst kosmopolitisch daherzukommen, blieb seine Handschrift immer spanisch beziehungsweise südspanisch: Rüschen, die an Flamencokleider erinnern, opulente Stickereien, Samt, Spitze, Silhouetten in Form von großen Gesten. Während die meisten seiner Kommiliton:innen anschließend in London blieben, weil junge Designer:innen – wie sie im Studium ständig zu hören kriegten – abseits der großen Modemetropolen keine Chance hätten, kehrte Palomo nach Posadas zurück. Mitten im modischen Niemandsland gründete er dann 2015 sein Männermode-Label.

Dem Zeitgeist entsprechend
Damals war ständig von „Genderbending“ und Nonkonformität die Rede. Alessandro Michele hatte kurz zuvor seine erste Kollektion für Gucci mit durchsichtigen Rüschenblusen und Pastellfarben für Männer gezeigt. Palomos Mode passte perfekt in diesen Zeitgeist, der stets der seinige war. Bei ihm trugen Männer schon immer voluminöse Ärmel, transparente Stoffe oder überbordende Verzierungen. Sie zeigten Emotionen, Temperament und Drama. Trotzdem wirkten seine Designs nicht kalkuliert oder verkleidet, weil die Entwürfe immer auch eine Spur Erotik versprühten. Junge Männer von Madrid bis New York wollten damit sofort im Nachtleben unterwegs sein.

Harry Styles und Pedro Almodóvar trugen seine Entwürfe, Beyoncé, Miley Cyrus und Rita Ora bestellten Sonderanfertigungen für ihre Auftritte. Palomo gewann eine Reihe von Preisen, erreichte das Finale des LVMH Prize für Nachwuchsdesigner:innen und eröffnete die Männermodewoche von Paris. Aber nach jeder Show, nach jedem Event kehrte er nach Posadas zurück, wo er in seinem zweigeschossigen Atelier arbeitete und wohnte. Sein Team bestand teilweise aus Näherinnen und Schnittmacherinnen, die er noch aus seiner Kindheit kannte. „Niemals werde ich von hier fortgehen, nie“, schwärmte er in einem Interview von seiner Heimat.

„In Andalusien wird Kleidung getragen, als sei das Leben eine einzige Bühne“,

Alejandro Gómez Palomo
Ein Meilenstein: die Premiere einer Womenswear-Kollektion innerhalb der Resort-2026-Kollektion.
PALOMO Herbst Winter 2026

Posadas im Gepäck
Und doch steht auf seiner Homepage nun eine Adresse in Madrid – Ende 2025 bezog Palomo ein großes Studio im Stadtteil Lavapiés. Nicht nur räumlich, auch strategisch ein neues Kapitel für die Marke: Vor kurzem kam ein neuer Investor an Bord. „Wir hatten in Posadas ein einzigartiges Universum geschaffen. Aber wir standen uns damit auch ein bisschen selbst im Weg“, gibt der Designer zu. Letztlich sei man doch ein wenig zu abgeschottet und isoliert von der Branche gewesen. Einkäufer, Zulieferer und Journalist:innen mussten ständig weit anreisen. Gerade nach der Corona-Pandemie waren dafür nicht immer die Zeit und das Geld da.

Dafür hat er Posadas ein Stück weit mit nach Madrid genommen. Das Studio ist ein offener Raum, in dem prominent ein Gemälde von José Luis Barquero hängt, ein Freund des Designers. Daneben finden sich viele Erinnerungsstücke aus der Heimat: der Schilfstuhl und der Manila-Schal seiner Großmutter, verschiedene Pflanzen, die in der Region Córdoba wachsen. „Das Schönste an diesem Ort ist, dass ich aus dem Fenster schaue und immer noch einen Garten sehe. Es sind nicht die Bougainvilleen und Orangenbäume von zu Hause, aber es gibt Rosen und Bäume, die diese Verbindung zur Natur aufrechterhalten, die mir schon immer gefallen hat.“

Zum neuen Kapitel der Marke zählt auch die erste vollständige Damenkollektion, die im Zuge der Resort 2026 Kollektion lanciert wurde. Sie wirkt erstaunlicherweise deutlich reduzierter als die Palomo Männersachen, obgleich ein paar Volants, Stickereien und viele Lederschleifen natürlich nicht fehlen. Auch diese Ästhetik ist geprägt von seiner südspanischen Heimat. „Für mich“, erklärte der Designer einmal, „waren die Frauen immer die Stärkeren und die Männer die deutlich Fragileren.“

„Für mich waren die Frauen immer die Stärkeren und die Männer die deutlich Fragileren.“

Alejandro Gómez Palomo
WORDS
Silke Wichert
PHOTOGRAPHY
Fede Delibes
PR
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