Leuchtende Evolution
20 Jahre Bocci
Die Welt von Maison Ë bewegt sich in einem bedächtigen Tempo. Sie lauscht dem Rhythmus der Materialien, ehrt die Hand die formt. In diesem Sinne trafen wir den multidisziplinären Künstler und Designer Omer Arbel zu einem Interview in einem Moment, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verschmelzen scheinen: zum zwanzigjährigen Jubiläum seines Designstudios Bocci.
(Design)Zwanzig Jahre mögen für einen Baum wie ein Wimpernschlag vergehen, doch in menschlicher Zeit gemessen ist dies eine Zeitspanne, die von tiefgreifenden Veränderungen geprägt ist. In diesem Zeitraum hat Omer Arbel Bocci von einem kleinen, experimentellen Kollektiv zu einer lebendigen Ideenwelt geformt. Ideen, die sich nicht nur in Glas und Metall manifestieren, sondern auch im Zusammenspiel von Licht und Schatten, in der Art und Weise, wie die Luft um eine Skulptur vibriert, in der langsamen Entfaltung von Schönheit. Zwanzig Jahre markieren einen Meilenstein, nicht gemessen an Kollektionen oder Auszeichnungen, sondern an den stillen Revolutionen, die selbst ein Dialog mit geschmolzenem Glas in Gang zu setzen vermag.
In diesem Interview geht es nicht um Produkte, sondern um Präsenz – darum, was passiert, wenn Zeit als Medium, Unvollkommenheit als Tugend und Neugier als Kompass betrachtet werden. Gemeinsam betreten wir Omer Arbels leuchtendes Kontinuum und erkunden die Alchemie der Materialien, die Architektur der Ideen und die Räume, in denen Design zu etwas wird, das über sich selbst hinausgeht.
Maison Ë Wenn Sie auf die zwanzigjährige Reise von Bocci zurückblicken, welche Momente oder Projekte haben Ihrer Meinung nach die DNA des Unternehmens am tiefgreifendsten verändert – und sind sie aus Absicht oder Zufall heraus entstanden?
Omer Arbel Ich kann drei tiefgreifende Veränderungen in den letzten zwanzig Jahren erkennen. Die erste kam ganz am Anfang mit den frühen Glasarbeiten. Ich wollte eine perfekte Kugel herstellen, aber aufgrund von Einschränkungen musste ich zwei Halbkugeln zusammenfügen. Was sich wie ein Kompromiss anfühlte, wurde zu einer Offenbarung: eine Naht, die einen leuchtenden, wässrigen und lebendigen Hohlraum öffnete und dem Werk seine Seele gab. In diesem Moment wurde mir klar, dass die wesentlichen Eigenschaften oft Geschenke des Materials selbst sind und nicht die meiner Absicht. Seitdem ist es das Credo meines Ateliers, zunächst nur mit der Intention zu beginnen, etwas in Gang zu setzen, anschließend zuzuhören und uns vom Material leiten zu lassen.
Die zweite Veränderung kam nach etwa zehn Jahren, als ich mich für Komplexität zu begeistern begann. Kupfer und Glas verschmolzen miteinander, ihre Eigenschaften wurden neu kalibriert, sodass sie sich gemeinsam ausdehnen und zusammenziehen konnten. Diese Zeit war meine „Olympiade der Komplexität“ – jedes Werk eine Symphonie aus Präzision, Timing und Virtuosität. Es war, als würde man testen, wie weit man die Komplexität treiben kann, ohne dass die Objekte ihre Anziehungskraft und ihren Nutzwert verlieren.
In der dritten Veränderung befinde ich mich jetzt gerade. Vielleicht durch meine Elternschaft geprägt, habe ich mich einer radikalen Einfachheit zugewandt. Nehmen wir zum Beispiel unser Modell „141“: zwei Pfützen aus Glas, die wie aufgehängte Wäsche in die Höhe ragen. Dahinter stecken viel Orchestrierung und Können, doch die Geste selbst ist elementar, spontan, unwiederholbar. Jedes Ergebnis ist einzigartig – wie Bocci schon immer war –, aber heute fühlt sich diese Einzigartigkeit freier, eigenartiger, lebendiger an. Diese Lockerheit macht mich neugierig auf das, was als Nächstes kommt.
M.Ë Sie beschreiben Ihre Arbeit oft als Dialog mit Materialien. Wie hat sich dieser Dialog im Laufe von zwei Jahrzehnten entwickelt, und haben Ihnen die Materialien jemals etwas „beigebracht“, was Sie noch nicht bereit waren, zu hören?
O.A. Das ist schon oft passiert. Die größte Herausforderung war immer Holz. Ich bin in British Columbia in Kanada aufgewachsen, umgeben von herrlichen alten Wäldern und einer Kultur des Holzhandwerks. Doch wenn das Holz zu mir kommt, ist es bereits verarbeitet und zu Rechtecken standardisiert. Mein Instinkt ist es immer, mich in einem früheren Stadium mit einem Material zu beschäftigen – in der Phase seines Wachstums, in den gepflegten Wäldern, mit den Bäumen, die sich noch entwickeln.
Glas hat sich für mich immer natürlich angefühlt, fast wie ein bester Freund. Ich verbringe so viel Zeit in der Glaswerkstatt, dass der Dialog mit dem Material instinktiv ist. Die Intuitionen meiner Mitarbeiter:innen, die mich seit über einem Jahrzehnt begleiten, und meine eigenen sind tief miteinander verflochten. Das Gleiche gilt für Metall und bis zu einem gewissen Grad sogar für Beton – sie lassen sich experimentell bearbeiten und überraschen mich immer wieder. Holz hingegen widersetzt sich mir. Es erinnert mich daran, dass nicht jedes Material sich auf die gleiche Weise bearbeiten lässt, und auch das ist eine Lektion dafür, wie sich das Design-Denken anpassen muss.
Die Lampen sind keine Gegenstände,
sondern Anordnungen – die formen,
wie der Körper Raum wahrnimmt.
M.Ë Wie spielt Zeit – beim Herstellen, beim Experimentieren, beim Leben mit einem Werk – in die Essenz von Boccis Kreationen hinein?
O.A. Zeit ist essenziell, weil wir in einem Zeitalter des Konsums leben, in dem Objekte als Wegwerfartikel behandelt werden. Ich frage mich oft: Warum noch mehr „Zeug” in eine Welt bringen, die bereits überfüllt ist? Die einzige Rechtfertigung, die ich dafür finde, ist, Objekte als Begleiter zu betrachten. Meine Kinder tun das ganz natürlich – sie behandeln eine Tasse oder ein Spielzeug, als hätte es eine eigene Seele. Das Gleiche empfinde ich für einen abgenutzten Pfannenwender, den ich seit fünfzehn Jahren habe; er ist nicht wertvoll, aber er trägt Geschichte, Erinnerungen und Zuneigung in sich.
Ich glaube, dass echte Nachhaltigkeit hier liegt. Es geht nicht darum, bei der Herstellung möglichst wenig Energie zu verbrauchen, sondern etwas zu schaffen, das bedeutungsvoll genug ist, um Jahrhunderte zu überdauern. Wenn ein Gegenstand oder ein Raum mit der Zeit an Wert gewinnt – emotional, kulturell oder sogar wirtschaftlich –, ist die Energie, die in seine Entstehung investiert wurde, um ein Vielfaches gerechtfertigt. Das ist das Ziel, auf das ich hinarbeite: Dinge zu schaffen, die mit dem Alter an Glanz gewinnen.
Wenn wir als Designer:innen und Hersteller:innen Objekte schaffen können, die einer solchen Beziehung würdig sind, dann widersetzen wir uns dem Konsumismus. Solche Dinge werden nicht weggeworfen – sie werden repariert, vererbt, geschätzt. Die Architektur bietet das beste Beispiel dafür: Gebäude mit kulturellem Wert werden restauriert, nicht abgerissen. In diesem Sinne mindert die Zeit ihren Wert nicht, sondern bereichert ihn.
M.Ë Das Licht in Ihren Arbeiten wirkt oft wie ein lebender Organismus – schwer fassbar, launisch, manchmal unberechenbar. Wie bringen Sie die technische Präzision des Lichtdesigns mit den fast mystischen Eigenschaften in Einklang, die Sie hervorrufen möchten?
O.A. Licht hat mich schon immer fasziniert, es ist fast unbegreiflich. Wir reagieren instinktiv darauf, verstehen es aber nie wirklich. Oft finde ich unsere Arbeiten im natürlichen Licht am schönsten – manchmal sogar noch schöner, wenn sie unbeleuchtet sind. Das ist eine architektonische Sichtweise: Man stellt sich einen Raum als Gefäß vor, das sich langsam mit flüssigem Licht füllt.
Als ich in Mexiko-Stadt und später in Barcelona lebte, bot der Himmel über den Metropolen die atemberaubendsten Sonnenuntergänge. Staub und Partikel streuten das Sonnenlicht in fast unmögliche Farben. Der Gedanke, dass das, was wir sehen, die Überreste von Explosionen auf einem fernen Stern sind, die durch die Atmosphäre und den Dunst gefiltert und dann im menschlichen Auge in Schönheit verwandelt werden, ist außergewöhnlich.
In meiner Arbeit versuche ich, meine eigenen Partikel zu schaffen. Jedes Stück ist ein Kosmos der Diffusion, Schichten, die Licht einfangen und streuen, damit es wahrgenommen werden kann. Im Raum installiert wirken sie wie schwebende Konstellationen – weniger als Objekte, auf die man den Blick richtet, sondern eher als Medium, das es dem Körper ermöglicht, das riesige Volumen um ihn herum zu spüren. Im Gegensatz zu einem Kronleuchter, der in der Mitte eines Raumes die Aufmerksamkeit auf sich zieht, schaffen unsere Werke ein atmosphärisches Wahrnehmungsfeld. Auf diese Weise ist Licht für mich nicht etwas, das ich kontrolliere, sondern etwas, das ich einlade, sich zu offenbaren – schwer fassbar, launisch, lebendig.
M.Ë Ihre Praxis umfasst Architektur, Skulptur und Produktdesign. Wie haben sich diese Disziplinen in der zwanzigjährigen Geschichte von Bocci gegenseitig befruchtet, und wo sehen Sie als Nächstes eine Aufweichung der Grenzen?
O.A. Ich habe es schon immer geliebt, Gebäude zu entwerfen – das war mein erster Traum als Kind. Aber im Atelier gibt es keine Grenzen; Ideen fließen in jede Richtung, die sie wollen, getragen von derselben Gruppe von Menschen. Die Trennungen entstehen erst außerhalb von uns, in der Art und Weise, wie die Welt auf Kategorien besteht. Letztendlich müssen wir entscheiden: Ist das ein Gebäude, eine Skulptur, ein Produkt? Ohne die Etikettierung wissen die Menschen nicht so recht, wie sie sich darauf einlassen sollen.
Diese Kategorien sind eigentlich nur Wirtschaftsmodelle. Ein Produkt lebt in einem Laden oder online, und die Wahl ist binär: kaufen oder nicht kaufen. Eine Skulptur durchläuft Galerien, Händler:innen und Institutionen, die ihr erst Legitimität verleihen müssen, bevor jemand es wagt, sie zu sammeln. Architektur ist wieder etwas anderes und am komplexesten, weil sie Beschaffungssysteme, Kund:innen, Ingenieur:innen und Bauherr:innen umfasst. Eine Vision muss Dutzende von Menschen ansprechen und sich über fünf Jahre oder mehr entfalten, was immense Ressourcen erfordert. Das ist das Schwierigste, aber auch das Weitreichendste. Für mich ändert sich die Arbeit selbst in diesen Bereichen nicht, nur die Rahmenbedingungen. All diese Systeme existieren extern.
M.Ë Bocci hat das Unregelmäßige, Organische und Unvollkommene in den Bereich des Exquisiten gebracht. Wie definieren Sie Luxus in einer Welt, die Perfektion oft noch mit Wert verwechselt?
O.A. Für mich hat Luxus nichts mit Perfektion zu tun. Tatsächlich versuche ich gar nicht darüber nachzudenken, was andere erwarten. Ich mache einfach die Arbeit, an die ich glaube – ob sie nun einen Markt findet oder nicht. Diese Freiheit, die Fähigkeit, seiner Neugier ohne Kompromisse zu folgen, ist für mich die wahre Definition von Luxus.
Die Welt betrachtet Luxus oftmals als ästhetische Kategorie – polierte Oberflächen, makellose Verarbeitung, die Illusion von Perfektion. Ich beteilige mich nicht an dieser Diskussion. Für mich ist Luxus die Freiheit, Unvollkommenes zu schaffen, Formen zu entdecken, die unregelmäßig oder seltsam erscheinen mögen, aber dennoch Wahrheit in sich tragen. Diese Freiheit ist wertvoller als jedes Wertetikett.
M. Ë Wir sehen Bocci-Stücke zunehmend in zeitgenössischen luxuriösen Räumen im Nahen Osten, wo der Geist organischer Formen – fließend, unvollkommen und tief in der Natur verwurzelt – in vielen leuchtenden Farbtönen interpretiert wird. Haben Sie auch eine kreative Vision für die sich wandelnde Kulturlandschaft des neuen Nahen Ostens?
O. A. Ich bin in Jerusalem aufgewachsen, und diese frühe Kindheit hat mich nie losgelassen. Die Texturen dieses Ortes – seine Intensität, seine Unsicherheiten, seine Ambitionen – prägen mich bis heute, auch wenn ich sie meist unbewusst trage. Ich bin mir sicher, dass meine Beziehung zum Licht von dort stammt. In dieser Region liegt immer ein goldener Dunst in der Luft, der dem Licht eine Dichte, ein spürbares Gewicht verleiht. Vielleicht begann meine lebenslange Faszination für Licht als lebendiges Medium in dieser Atmosphäre. Und vielleicht hat auch der Antrieb meiner Familie, die Kulturen überschritten hat – das Gefühl, dass man in einer neuen Welt erfolgreich sein muss –, meine eigene Ambition als Schöpfer geprägt. Zu hören, dass Bocci-Stücke in Kairo und anderen Orten der Region ein Zuhause finden, erfüllt mich mit Freude. Von meinem Standpunkt aus sehe ich nur die Kisten, die jeden Tag das Atelier verlassen und an Orte gelangen, die ich nicht immer zurückverfolgen kann. Sich vorzustellen, wie sie dort leuchten und eine intime Begegnung mit den Menschen dort schaffen, ist ein Geschenk.
M.Ë Ihre Ateliers liegen zwischen der natürlichen Weite Vancouvers, Mailands Position als Designzentrum und Berlins vielschichtiger Stadtgeschichte. Wie hat diese Konstellation von Orten die kulturelle und kreative Identität von Bocci im Laufe der Jahre geprägt?
O.A. Ein Großteil dieser Konstellation begann als Lebensentscheidung. Mein Partner und ich lieben Berlin, und als es an der Zeit war, einen europäischen Standort zu wählen, entschieden wir uns einfach für die Stadt, in der wir leben wollten. Was als Pragmatismus begann, wuchs zu Zuneigung – nach so vielen Jahren verliebt man sich fast wie durch Osmose in einen Ort.
In den ersten Jahren pendelte ich ständig zwischen Berlin und Vancouver. Das Hin und Her war aufregend: Vancouver, kaum ein Jahrhundert alt, im Kontrast zu Berlin, wo allein unser Gebäude älter war als die gesamte Stadt Vancouver. Alle zwei Monate wechselte ich zwischen der Neuen und der Alten Welt, zwischen weiten Landschaften und dichter Geschichte, zwischen Kulturen, die sich in ihren Wertvorstellungen, ihrer Sprache und ihren Träumen so sehr unterschieden. Dieser Kontrast prägte die Identität von Bocci – er schärfte mein Gespür dafür, wie Ideen den Charakter ihrer Umgebung aufnehmen.
Mailand kam später hinzu, zunächst nur aus der Not heraus. Wir fürchteten uns jeden April vor der Möbelmesse– grelles Licht, endlose Stunden auf den Beinen, die strapaziöse Mischung aus Alkohol und Kaffee. Also kauften wir uns eine Wohnung und begannen, nach unseren eigenen Vorstellungen auszustellen. Das veränderte alles: der Morgen mit frischem Orangensaft, ruhige Rituale, ein Umfeld, das sich wie ein Zuhause anfühlte. Noch wichtiger war, dass es nachhaltig war – keine riesigen temporären Ausstellungen mehr, die nur wenige Wochen später wieder abgebaut werden mussten. Zusammen sind diese drei Städte – Vancouver, Berlin, Mailand – zu einer Art Achse für Bocci geworden.
M.Ë Wenn man die nächsten zwanzig Jahre von Bocci in einem einzigen Leitprinzip zusammenfassen könnte – einem, auf das zukünftige Mitarbeiter:innen zurückblicken könnten –, wie würde dieses lauten?
O. A. Die Zukunft lässt sich nicht planen – sie ist zu fließend, zu unvorhersehbar. Die Welt verändert sich so sehr, dass es unmöglich erscheint, vorherzusagen, was als Nächstes kommt – selbst in einem Jahr. Mein Partner und ich haben nie mit Fünfjahresplänen gearbeitet; wir haben immer auf den Moment vertraut und uns von der Ungewissheit leiten lassen. Wenn es einen Grundsatz gibt, dann diesen: offen bleiben und den Dialog mit dem Unbekannten suchen. Man macht Aussagen darüber, was man will – oder was man zu wollen glaubt – und lässt sie dann fließen.
Omer Abels Tipps für Berlin, Vancouver
und Mailand
Berlin
In Berlin hatte ich eine transzendente Erfahrung in der Feuerle Collection. Sie liegt versteckt unter der Erde in einem ehemaligen Militärbunker, der vom Architekten John Pawson mit fast klösterlicher Zurückhaltung neugestaltet wurde. Entlang einer Wand verläuft ein riesiger Wasserpool, eine Art thermische Batterie, die Wärme und Kälte still absorbiert und so die Temperatur für die Kunstwerke stabilisiert. Dennoch wirkt er weniger funktional als elementar – Beton, Glas und dann diese stille Wasserfläche, die den Raum in Schwebe hält. Die Sammlung selbst umfasst sowohl alte chinesische und japanische Werke als auch zeitgenössische Stücke, aber der unvergesslichste Teil ist die Teezeremonie, die nur auf Einladung angeboten wird. Sie beginnt fast unsichtbar mit einem Hauch von Weihrauch in der Luft und entfaltet sich dann zu einem Ritual der Geduld und Präsenz. Es ist einer dieser seltenen Orte, an denen Architektur, Atmosphäre und menschliche Gesten in Einklang stehen und die Zeit anders zu vergehen scheint.
Vancouver
In Vancouver denke ich an Arthur Ericksons Museum of Anthropology, das kürzlich von einem seiner Schüler restauriert wurde. Monumentale Betonbögen und Glaswände rahmen die außergewöhnlichen Totempfähle der Ureinwohner:innen dieser Region ein, die jeweils aus alten Bäumen von immenser Größe geschnitzt wurden. Cornelia Oberlanders Gärten bilden eine sensible Antwort auf den Ort, mit einem reflektierenden See, der das umgebende Nordlicht einfängt und in eine ruhige, meditative Präsenz verwandelt. Der ganze Ort wirkt spirituell – brutalistische Architektur, die durch Natur und Geschichte zu Ehrfurcht gemildert wird. Und dann, fast wie eine geheime Coda, führt eine lange Treppe durch den Wald hinunter zum Wreck Beach, wo die Stadt in Sand und Meer verschmilzt.
Milan
In Mailand kehre ich immer wieder ins La Latteria zurück – ein winziges Restaurant, das von einem Ehepaar geführt wird und kaum zehn Tische hat. Man fühlt sich wie zu Hause, wo jede Mahlzeit mit stiller Hingabe zubereitet wird. Jahrelang blieb es unverändert und war jedes Mal, wenn ich dort war, ein Ritual. Jetzt geht es langsam in neue Hände über, wobei das Ehepaar seine Nachfolger:innen behutsam durch einen sanften Übergang führt. Diese Kontinuität – in der Fürsorge, im Wissen, in der Atmosphäre – ist in unserer Zeit selten geworden, und genau deshalb liegt mir dieser Ort so sehr am Herzen.
Am Ende unseres Gesprächs wird klar, dass die letzten zwanzig Jahre von Bocci kein abgeschlossenes Kapitel sind, sondern ein lebendiger Prolog. Die Fragen, die Omer Arbel an Licht, Material und Ort stellt, sind dieselben, die er in neue geografische und kulturelle Kontexte tragen wird – vielleicht in die weiten Wüsten des Nahen Ostens, vielleicht in Architekturen, die es noch nicht gibt. Für ihn geht es auf dieser Reise nicht darum, Antworten zu finden, sondern darum, den Raum zwischen Neugier und Form immer wieder neu zu gestalten. Und für diejenigen, die seine Arbeiten erleben – sei es im wechselnden Licht eines Berliner Abends, im gefilterten Sonnenlicht von Vancouver und Mailand oder in einer neuen Stadt, die aus dem Sand entsteht –, bleibt die Einladung dieselbe: langsamer werden, genau hinsehen und in der stillen Pracht dessen verweilen, was dahinter liegt.