20. August 2026

Die Haute Couture
des Porzellans

Art and Design

Als weltweit letztes reines Porzellanhaus fertigt Nymphenburg jedes Stück weiterhin von Hand unter Verwendung von Techniken, die über Generationen hinweg bewahrt wurden. Während die Fertigungsmethoden unverändert geblieben sind, bringen Kooperationen mit zeitgenössischen Künstler:innen und Designer:inne eine frische, zeitlose Perspektive in die Kollektionen. Maison Ë sprach mit CEO Anders Thomas darüber, wie die Marke Moderne und ihr reiches Erbe harmonisch verbindet.

DIE ANFERTIGUNG EINES NYMPHENBURGER PORZELLANSTÜCKS IST EIN ÄUSSERST AUFWENDIGER UND PRÄZISER PROZESS, DER OFT 30 BIS 40 ARBEITSSCHRITTE ERFORDERT – BEI AUFWENDIG VERZIERTEN FIGUREN SOGAR NOCH MEHR.

(Porzellan) In der ruhigen Nymphenburger Malerei hält ein Meister seines Fachs eine zarte weiße Porzellanschale in den Händen und malt sorgfältig das letzte Blatt eines Blumenmusters, das perfekt in der Mitte des Objekts platziert ist. Zunächst erscheint die Farbe braun und auch nach dem Brennen bleibt sie zunächst glanzlos. Erst wenn sie mit Achat und Hämatit fachmännisch auf Hochglanz poliert wird – was dreimal so lange dauert wie der Farbauftrag –, offenbart die Farbe ihre wahre Zusammensetzung: brillantes 24-Karat-Feingold.

In der Formerei wird eine kleine hohlgegossene Mausfigur, die ursprünglich aus vier separaten Teilen besteht, zu einem Ganzen zusammengefügt. Erfahrene Hände verwenden Holzwerkzeuge, die auf die exakte Größe zugeschnitten sind, um winzige Pfoten und noch winzigere Krallen zu formen. Und in der Dreherei werden Teller, Schalen und Vasen geschickt von Hand auf Töpferscheiben geformt, wodurch der für die Marke charakteristische feine Porzellankörper entsteht, dessen Unterseite mit dem ikonischen Nymphenburg-Wappen und den Initialen des Töpfermeisters gekennzeichnet ist.

“Wir sind die Haute Couture des Porzellans; wir schaffen Kunstwerke aus Porzellan – etwas, das sonst niemand macht.“

 

ANDERS THOMAS, CEO NYMPHENBURG

Das Herzstück der Manufaktur
Zeitaufwendige Prozesse sind das Herzstück der Porzellanmanufaktur Nymphenburg, der weltweit letzten „reinen Manufaktur”, in der jedes Objekt von Hand gefertigt wird. Das Atelier befindet sich in der nördlichen Rotunde des Schloss Nymphenburg in München und gehört heute Luitpold Prinz von Bayern, einem Mitglied des Hauses Wittelsbach, das bis 1918 als Königsfamilie Bayerns regierte.

Das Atelier wurde 1747 gegründet. In den letzten drei Jahrhunderten hat sich hinsichtlich der Integrität seiner traditionellen Produktion nicht viel verändert. Die Maschinen der Werkstatt werden mit Wasserkraft aus dem Schlossbach angetrieben, die über ein vor Generationen entwickeltes Riemensystem auf das Werk übertragen wird. Und wie seit jeher stellt Nymphenburg seine eigene Porzellanmasse her – eine Mischung aus Kaolin, Feldspat und Quarz, deren Herstellung von der Vorbereitung bis zur Verwendung etwa drei Jahre in Anspruch nimmt. „Wir befinden uns hier auf dem Schlossgelände in einer Art Glaskuppel, in der noch alles so funktioniert wie im 18. Jahrhundert“, sagt Anders Thomas, CEO von Nymphenburg.

„Die einzige noch offene Frage lautet: Ist es möglich, das aus Porzellan herzustellen?“

ANDERS THOMAS, CEO NYMPHENBURG

Zeitloses Handwerk, moderne Vision
Im Laufe seiner geschichtsträchtigen Vergangenheit hat sich das Unternehmen immer wieder neuen Herausforderungen gestellt und dabei eine enge Zusammenarbeit mit Künstler:innen und Designer:innen gepflegt. Jedes Stück in seiner illustren Geschichte ist das Ergebnis von bahnbrechenden künstlerischen Visionen, die die Grenzen der zeitgenössischen Kunst und des Designs sowie der jahrhundertealten Handwerkskunst ausloten. „Wir sind die Haute Couture der Porzellanherstellung; wir schaffen Kunstwerke aus diesem Material wie niemand sonst“, erklärt Thomas. „Unser tiefes Bewusstsein für unsere Vergangenheit, kombiniert mit der Meisterschaft unserer Handwerker:innen, ermöglicht es uns, neue und unkonventionelle Projekte zu verfolgen, die die Materialität von Porzellan neu definieren.“

Eines der jüngsten dieser reizvollen neuen und ungewöhnlichen Projekte ist die Serie Lightscape, eine Zusammenarbeit zwischen der argentinischen Papierkünstlerin Ruth Gurvich und den Meisterhandwerker:innen von Nymphenburg. Das Ergebnis ist eine erstaunliche Reihe moderner Tischgeschirr-Objekte, die die Materialität von Papier, einschließlich seiner Pergamentstruktur und Falten, detailgetreu nachahmen.

DIE AUFSEHENERREGEND NEUE KOLLABORATION LIGHTSCAPE VEREINT DIE ARGENTINISCHE PAPIERKÜNSTLERIN RUTH GURVICH MIT DEN MEISTERHANDWERKERN VON NYMPHENBURG.
IM FARBLABOR LAGERN TAUSENDE VON PIGMENTEN UND METALLOXIDEN, MIT DENEN SICH RUND 15.000 INDIVIDUELLE FARBREZEPTE NACHSTELLEN LASSEN.

Ein weiteres Projekt, Flowers of the Blue Line, entspringt einer Zusammenarbeit mit der wegweisenden amerikanischen Pop-Künstlerin Judy Ledgerwood, in deren Rahmen 800 handbemalte Majolika-Fliesen entstanden sind. Diese schmücken nun die Racine Station an der Blue Line in Chicago. „Solange die Künstler:innen mit den moralischen und ethischen Werten der Eigentümerfamilie übereinstimmen, gibt es eigentlich nichts, was zu extrem wäre“, sagt Thomas. „Wenn dieses Kriterium erfüllt ist, lautet die einzige noch offene Frage: Ist es möglich, das aus Porzellan herzustellen?“

Spuren von Ledgerwoods farbgewaltigen Werken finden sich auch in der Malerei, wo eine Wand mit Hunderten von Farbmustern aus Porzellan ein weiteres Stück der einzigartigen Geschichte des Unternehmens spiegelt. Es ist jene des Nymphenburger Farblabors, in dem jede jemals für die Malerei verwendete Farbe selbst hergestellt und gemischt wurde. Das „Labor“ enthält Tausende von Pigmenten und Farb-Oxiden und ist in der Lage, rund 15.000 individuelle Farbmischungen herzustellen.

„Wenn die Kinder oder Enkelkinder unserer Kund:innen ihre Nymphenburger Porzellan-Erbstücke neu anfertigen oder reparieren lassen möchten, können wir so ihre individuelle Farbe exakt reproduzieren“, sagt Patricia Yen Lyn Freimuth, Leiterin Marketing und PR bei Nymphenburg. „Das ist etwas, das uns wirklich von anderen unterscheidet.“

NYMPHENBURGS NEUESTES PROJEKT: DIE KEMPINSKI ROYAL RESIDENCE.
SCHLOSS NYMPHENBURG IN SEINER GANZEN PRACHT

Eine Welt aus Porzellan
Hinter dem Lagerhaus, in dem mehr als 30.000 historische Figuren, Tafelservice-Modelle und Gussformen aufbewahrt werden, kommt eines der neuesten Projekte der Manufaktur zum Vorschein: die Kempinski Royal Residence Nymphenburg. Jene Luxusresidenz, die heute vom Kempinski Vier Jahreszeiten geführt wird, ist das einstige Wohnhaus eines ehemaligen Direktors von Nymphenburg und ein Paradebeispiel für den besonderen Stellenwert von Porzellan in der modernen Architektur.

Im Inneren prägen Details wie die blumenförmigen Spilla-Wandleuchten, die Sonderedition der Waschbecken mit bemalten Vögeln oder die Küchenfliesen mit dekorativen Reliefs das Innendesign. Am auffälligsten sind jedoch die Lithophane-Paneele der Sauna – hergestellt aus dreidimensionalem, durchscheinendem, handgefertigtem Porzellan –, die bei Gegenlicht ein erstaunlich detailliertes Panoramabild einer Berglandschaft am Seeufer zeigen.

In der Manufaktur ist nur der Ausstellungsraum für die Öffentlichkeit zugänglich – die Produktionsstätten sind geschlossen, um die vielen empfindlichen Arbeitsbereiche zu schützen. Was die Besuchenden zu sehen bekommen, ist eine Fantasiewelt, in der sich flauschige Füchse auf Büchern zusammenrollen, bunte Paradiesvögel ihre kunstvollen Flügel ausbreiten, Miniatur-Elefanten triumphierend ihre Rüssel heben oder Leoparden mitten im Kampf posieren. Einige dieser Figuren bestehen aus bis zu 100 Einzelteilen, die jeweils einzeln gegossen, dann sorgfältig zusammengesetzt und akribisch bemalt werden, bevor sie im Brennofen gebrannt und zum Leben erweckt werden.

Nebenan sind zeitgenössische Kollektionen ausgestellt, wie beispielsweise Generation T der niederländischen Industriedesignerin Hella Jongerius. Sie haucht alten, antiquierten Geschirrstücken neues Leben ein, indem sie sie mit fantasievollen Pflanzenmotive oder überraschende Farbtropfen ergänzt. Hier findet sich auch die klassische Rokoko-Serie Cumberland, die mit der wohl aufwendigsten Blumendekoration der Welt aufwartet – ein handbemalter Teller erfordert etwa drei Wochen Malzeit.

Alle ausgestellten Stücke sind handgefertigt, mit einer Meisterschaft, die durch jahrelange Übung erworben wurde, und mit Techniken und Wissen, die über Generationen weitergegeben wurden. Durch Experimentierfreudigkeit und zeitgenössische Kreativität neu interpretiert, ist dies Porzellankunst in ihrer reinsten und spektakulärsten Form.

„Wenn jemand ein Geschirrset von Nymphenburg oder ein anderes Objekt seiner Begierde kauft, dann gehört es ihm, und wenn er es nicht versehentlich zerbricht, dann bleibt es erhalten“, sagt Thomas. „Es ist diese hohe Qualität, die es so langlebig und so absolut zeitlos macht.“

TEXT
Feride Yalav-Heckeroth
Fotografie
PR
Marion Vogel
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