Ivanros –
Geschichten aus Keramik
Das Dorf La Rambla in der Nähe von Córdoba ist traditionell für seine Keramik bekannt. Aber nur wenige sind damit heute so erfolgreich wie Ivanros. Wie es dazu kam und was Dior damit zu tun hat, erzählt diese Geschichte.
(Keramik) Die Mail kam im Frühling 2022, zur absoluten Hochsaison in der Produktion. Eine Last-Minute-Bestellung für 900 Teller mit individuellem Design. Fertigstellung bitte innerhalb von zwanzig Tagen. Iván Figueroa schüttelte halb amüsiert, halb fassungslos den Kopf und ließ sie unbeantwortet im Postfach liegen. Viel zu kurzfristig. Was denken die, wer sie sind?
Nun, wie sich herausstellen sollte, stammte die Mail von einer Agentur, die von einer Firma aus Paris beauftragt worden war: Christian Dior S.A. Die bereiteten damals für Mai 2022 ihre opulente Cruise Show in Sevilla vor und wollten dafür mit den besten Kunsthandwerker:innen ganz Spaniens zusammenarbeiten. Bei Keramik hatten sie sich für Ivanros aus der Nähe von Córdoba entschieden, dem Betrieb von Iván Figueroa, und glücklicherweise ließen sie sich nicht so schnell abwimmeln. Ein paar Tage später meldete sich noch einmal jemand telefonisch, um vorsichtig nachzufragen, ob man wirklich kein Interesse habe. Kurz darauf saßen Figueroa und eine Mitarbeiterin im Auto nach Sevilla, im Gepäck eine Auswahl ihrer schönsten Teller. Die Dior-Leute waren sofort begeistert.
Vier Jahre später sitzt der 45-Jährige in einer lichtdurchfluteten, hochmodernen Werkstatt, die ohne diesen Auftrag damals wahrscheinlich so nicht hier stehen würde. Das kleine Unternehmen war schon vorher auf einem guten Weg, aber der Name Dior machte Ivanros schlagartig bekannt und brachte alles noch schneller ins Rollen. In den letzten Jahren hat sich die Mitarbeiterzahl beinahe verdoppelt, der Umsatz locker verdreifacht. Man brauchte mehr Platz und bessere Arbeitsbedingungen, also wurde am Stadtrand kurzerhand ein neuer Firmensitz gebaut. Mittlerweile arbeitet Ivanros mit der spanischen Luxusmarke Loewe zusammen. Auch mit Zara Home gab es im vergangenen Jahr eine exklusive Kooperation. Daneben macht jedoch B2B, die Produktion für andere Firmen unter deren Namen, das mit Abstand größte Geschäft aus. Neben spanischen, französischen und US-amerikanischen Kunden klopfen immer mehr Interessenten von Kopenhagen bis Dubai an. Alle auf der Suche nach hochwertiger Handarbeit.
La Rambla, ein kleiner 7000-Seelen-Ort eine halbe Autostunde von Córdoba entfernt, ist in Spanien schon immer für Keramik bekannt. Nirgendwo sonst finde man besseren Boden für die Herstellung von Lehm, meint Figueroa. Mit neun stand er zum ersten Mal in der Werkstatt seines Opas, später arbeitete er mit seinem Vater und seinen beiden Geschwistern im Atelier. Er sei gewissermaßen mit Ton an den Händen aufgewachsen, erzählt der Andalusier lachend, und auch jetzt gerade hat er überall gräuliche Spuren an Hemd und Hose.
„Ich bin hier nicht nur für das Design zuständig, sondern packe auch jeden Tag selbst mit an.“ In jeder Tasse, jedem Tellerchen stecken ein Dutzend Arbeitsschritte. Die noch rohen Formen müssen mit einem Schwamm abgewischt und glattgestrichen werden, bevor sie in den Ofen kommen. Danach ruht der „Biskuit“ – wie die noch weißen Stücke genannt werden – ein bis zwei Tage auf großen Blechen. Anschließend wird jedes Teil von Hand bemalt oder mit einer Pistole in Jackson-Pollock-Manier bespritzt, bevor es zur Glasur noch einmal in den Ofen kommt.
„Ich bin hier nicht nur für das Design zuständig, sondern packe auch jeden Tag selbst mit an.“
Ein Leben in Ton
Die alte Werkstatt der Familie befand sich mitten im Dorf. Dort wird heute nur noch der „Barro Rojo“ gefertigt, der rote Ton, wie man ihn etwa für Blumentöpfe oder Olivenschälchen verwendet. 2008 stand der Betrieb fast vor dem Aus, die Stückzahlen waren zu klein, um mit der industriell gefertigten Ware konkurrenzfähig zu sein. Von 140 Töpfereien im Jahr 2000 seien heute nur noch gut 20 übrig, sagt Figueroa. Er jedoch wollte nicht aufgeben und wagte zusammen mit seiner Frau Rosario einen Neuanfang. Gemeinsam gründeten sie Ivanros – mit altem Handwerk, aber moderneren Designs.
Einen traditionellen andalusischen Wasserkrug mit großem Henkel und floralem Dekor funktionierte Figueroa mit einer Öffnung zum Weinkühler um. Der „Botijo“ ist bis heute ein Bestseller. Überhaupt verkaufe sich alles, was farblich mediterran daherkomme, besonders gut. In den aktuellen Kollektionen finden sich viele massivere und weniger glatte Formen: gewellte Schalen mit Perlmutt-Effekt, Karaffen, die so zerklüftet wirken, dass man förmlich glaubt, die Handabdrücke zu sehen. Das sei ironischerweise ein KI-Effekt, glaubt Figueroa. „Je artifizieller die Zeiten werden, desto mehr ist Hand- und Menschenwerk wieder gefragt.“ Denn auch wenn sie hier mittlerweile 40.000 Teile pro Monat fertigen – im Kern ist jedes davon immer noch ein Unikat.