Das Neuendorf Haus
Ein Ort jenseits der Zeit
Bestimmte architektonische Werke werden zu Ikonen, indem sie die Essenz ihrer Zeit verkörpern. Andere verdienen diese Auszeichnung, indem sie sich der Zeit gänzlich entziehen. Fast vier Jahrzehnte nach seiner Fertigstellung zählt das Neuendorf Haus im Südosten Mallorcas eindeutig zu dieser seltenen Kategorie. Ein passender Moment für MAISON Ë, mit den beiden Architekten John Pawson und Claudio Silvestrin über ein Haus zu sprechen, das die Seele berührt.
(Ikone) In einer trockenen, rosafarbenen Fläche von 30 Hektar in der Nähe des Dorfes Santanyí im Südosten Mallorcas – wo sich Mandel- und Olivenhaine bis zum schimmernden Mittelmeer erstrecken – ruht ein klarer, kubischer Bau von 6.000 Quadratmetern leicht auf dem Land, dessen Farbe von dem staubig-rosafarbenen Boden stammt, aus dem er zu entspringen scheint.
Das Haus wurde 1987 als Rückzugsort für die Kunstsammler:innen Hans und Caroline Neuendorf in Auftrag gegeben und besitzt so etwas wie eine doppelte Identität: Es ist sowohl privater Rückzugsort also auch Pilgerort für Architekturbegeisterte. Versuche prominenter Persönlichkeiten, das Neuendorf Haus zu erwerben, wurden zurückgewiesen, sodass es sich ganz nach seinen eigenen Bedingungen entwickeln konnte.
Das Neuendorf Haus
Ein Haus jenseits der Zeit
Ein Dialog zwischen Geschichte und Zukunft
Der Architekt Claudio Silvestrin führt die anhaltende Wirkung des Hauses auf einen sorgfältigen Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart zurück. Gemeinsam mit seinem damaligen Partner, Architekt John Pawson, war es das Ziel, sich von zeitgenössischem Design zu lösen, das Traditionen ablehnt, und stattdessen ein Gebäude zu schaffen, das in seiner kulturellen Vergangenheit verwurzelt ist, aber dennoch unverkennbar seiner Zeit entspricht. Silvestrin drückt es so aus: „Wir haben traditionelle Elemente beibehalten, sie aber auf moderne, fast futuristische Weise transformiert.“
Ein prägendes Element ist die Reihe kleiner quadratischer Fenster, die sich über die Wände des Hauses erstrecken und von den lokalen Bautraditionen inspiriert sind, die auf das milde Klima Mallorcas abgestimmt sind. Sie speichern im Winter die Wärme und geben sie im Sommer wieder ab. Pawson betont die Bedeutung dieser Öffnungen für die Schlichtheit der Architektur und verweist auf „ihren schmucklosen geometrischen Charakter, die grafische Wiederholung und den Rhythmus, den sie über die Fassaden hinweg erzeugen“. Das Ergebnis hat eine Relevanz, die sich jeder Kategorisierung entzieht. „Es ist eine Art Stabilität“, bemerkt Silvestrin. „Das Neuendorf Haus lässt sich nicht wirklich datieren. Ich würde es als „jenseits der Zeit“ bezeichnen.“
„Die Kultur verleitet uns dazu, Räume zu füllen. Die Menschen fürchten die Leere. Der Innenhof funktioniert sehr gut, weil er leer ist. Es gibt keine echte Leere; Leere enthält spirituelle Energie.“
Das Haus ist beständig, aber dennoch untrennbar mit seinem Standort verbunden und steht in direktem Kontakt mit seiner Umgebung, wobei die Materialpalette aus der Landschaft selbst stammt. Für die Färbung des Kalkputzes wurden Pigmente aus der umgebenden Erde verwendet. „Das architektonische Erlebnis wäre ganz anders, hätten wir uns nicht für diesen erdigen Rosaton entschieden“, sagt Pawson. „Es trägt wesentlich zum elementaren Charakter der Formen und ihrer unmittelbaren – im wahrsten Sinne des Wortes – Beziehung zum umgebenden Land bei.“ Silvestrin stimmt dem zu und verweist auf seine „mediterrane“ Vorliebe für warme Töne. „Wenn man sich das Haus in Weiß vorstellt, hätte es meiner Meinung nach nicht dieselbe Atmosphäre.“
Pawson hat seine Arbeit als ein Bestreben beschrieben, Raum für das Wesentliche zu schaffen. Auf das Neuendorf Haus angewendet, bedeutet diese Philosophie „Raum für Licht, Atmosphäre und auch für das Leben zu schaffen“. Das Haus ist als Kubus innerhalb eines Kubus auf einem Neun-Quadrat-Raster angeordnet und stellt in seiner Architektur schwere Wände Leerräumen und Höhe Enge gegenüber.
Alleine schon die Ankunft am Haus verstärkt das Gefühl der Erwartung. Besucher:innen nähern sich zu Fuß über einen geraden, stufenförmigen Steinweg, der früher als Pass für Ziegen diente. Eine freistehende Mauer verläuft parallel dazu und verstärkt das Gefühl des Abstiegs. Der Eintritt erfolgt durch einen schmalen Spalt, der sich zu einem dachlosen Atrium öffnet, dessen Wände neun Meter in den Himmel ragen. Das durch diese schmale Öffnung verstärkte Gefühl der Vertikalität ist zu einem charakteristischen Merkmal in Silvestrins Werk geworden.
„Ich interessiere mich für Architektur, die ein Gefühl von angenehmer Stille vermittelt, in der sich die Menschen wohlfühlen.“
Von einem anderen Planeten
Silvestrin hebt die Anziehungskraft einfacher Geometrien hin, die „allen Kulturen zugehörig sind“. Pawson wiederum beschreibt die Erfahrung aus menschlicher Perspektive.
„Mich interessiert Architektur, die ein Gefühl von angenehmer Stille vermittelt, in der sich die Menschen wohlfühlen“, erklärt er. Silvestrin zog während der Bauphase nach Mallorca, um die Arbeiten mit einem lokalen Bauunternehmer namens Salis zu beaufsichtigen. „Es war nicht einfach, ein solches Haus mit einer traditionellen Bauweise zu errichten“, erinnert er sich. „Sie nannten mich ‚Marciano‘ – den Mann vom Mars. Sie hielten mich für einen Außerirdischen.“
Ein Projekt, das Silvestrins Ruf als Exzentriker festigte, war sein Bestreben, das traditionelle Handwerk des Trockenmauerbaus wiederzubeleben. Als er feststellte, dass die letzten erfahrenen Handwerker:innen in der Gegend bereits über achtzig Jahre alt und längst im Ruhestand waren, gingen er und Salis von Haus zu Haus und überredeten sie, noch diesen letzten Auftrag anzunehmen.
Das Leben im Neuendorf Haus spielt sich, wie in weiten Teilen Mallorcas, größtenteils im Freien ab. Atrien, Sichtachsen und der offene Himmel dienen als architektonische Leitlinien und verlagern den Alltag nach draußen. An die Mitte des Hauses angeschlossen ist ein schmaler, 30 Meter langer Pool, der den Blick auf den Horizont lenkt. Silvestrin erinnert sich an die Anfänge – eine Idee, die seitdem unzählige Nachahmer gefunden hat. „Eines Morgens frühstückte ich mit Hans (Neuendorf) in einem kleinen Dorf in der Nähe und sagte: ‚Ich habe gehört, dass Caroline vielleicht einen Swimmingpool möchte.‘“ Die Skizze entstand auf einer Serviette beim Kaffee. Der Pool fügt sich so nahtlos in die Architektur ein, dass er das Gefühl vermittelt, „ein Fluss würde aus dem Fundament des Hauses entspringen“, wie Silvestrin es ausdrückt. „Ich habe einen Pool entworfen, der ins Unendliche führt.“
Später kam ein abgesenkter Tennisplatz hinzu, aus der Erde ausgehoben und im gleichen Rosaton getönt, der einen harmonischen Kontrast zum tiefen Grün der umliegenden Bäume bildet. „Als das Haus und der Pool fertig waren, sagte ich zu Hans: ‚Was hier noch fehlt, ist ein Tennisplatz.‘“ Obwohl Hans Neuendorf nicht spielte, bestand Silvestrin darauf. „Lasst uns einen schönen Tennisplatz bauen, dann hat man auch einen Anreiz, es zu lernen.“
Stille in der Form
Im hellen, weiß getünchten Inneren des Fünf-Schlafzimmer-Refugiums fällt das Licht in schrägen geometrischen Formen durch die kleinen, quadratischen Fenster herein. „Design sollte aus der Philosophie kommen, und nicht von Geschmack geprägt sein“, erklärt Silvestrin. „Ich möchte die Blicke der Menschen zum Himmel lenken, indem ich Fenster einbaue, die den Blick nach oben richten.“ In der Mitte des Esszimmers steht ein massiver Steintisch, der fest im Boden verankert ist. „Ich wollte, dass dieser Tisch wie ein Kirchenaltar wirkt“, fügt er hinzu und verweist dabei auf seinen katholischen Hintergrund.
Das Haus ist von einer spirituellen Kraft durchdrungen, die den Hintergrund beider Architekten widerspiegelt. Pawson, dessen Familie methodistische Wurzeln hat und dessen Werke oft für ihre klösterliche Strenge bekannt sind, spricht diese Eigenschaft direkt an. „Ein Ort muss nicht für das Gebet entworfen sein, um eine spirituelle Dimension zu haben.“ Er sieht diesen Aspekt des Neuendorf Hauses in „der absolut reduzierten Komposition“ und „der unverfälschten Intimität des Dialogs mit der Landschaft“.
Der markante Innenhof mit seinen hohen Mauern hat wegen seiner rohen Leere für viel Gesprächsstoff gesorgt. Silvestrin hat allerdings eine andere Interpretation parat. „Die Menschen fürchten die Leere. Die Kultur verleitet uns dazu, Räume zu füllen. Der Innenhof funktioniert so gut, weil er leer ist“, sagt er und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Es gibt keine echte Leere; Leere enthält immer eine spirituelle Energie.“ Er verrät uns, dass eine frühe Version einen Baum in der Mitte vorsah. Doch auf der Fahrt, um diesen zu holen – versuchte Silvestrin, Hans Neuendorf davon abzubringen. „Irgendwann während der Fahrt vertraute Hans mir. Und wir kehrten um.“ Der schlichte Innenhof lenkt die Aufmerksamkeit auf das wechselnde Muster von Tag und Nacht. „Ich nenne es die Nähe des Himmels“, sagt Silvestrin.
Mit Blick auf das lebendige Erbe des Hauses reflektiert Pawson über den Lauf der Zeit. „Als wir vor fast 40 Jahren den Auftrag annahmen, hätte ich mir nicht vorstellen können, wie nachhaltig dieser Ort wirken würde.“ Auf die Frage, was er heute anders machen würde, wenn er den Auftrag heute erhalten würde, antwortet er: „Nach reiflicher Überlegung komme ich immer wieder zu dem gleichen Schluss, dass es nichts Wesentliches gibt, was ich anders machen würde.“ Silvestrin kommt auf den Instinkt zurück. „Ich mag es, beim Design poetisch zu sein; das macht das Leben interessanter und die Architektur schöner.“ Über das Neuendorf Haus fügt er hinzu: „Es berührt die Seele.“